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Indigo: Welche Farbe hat ein Vertrieb?

Lesedauer ca. 24 Minuten
Mein zweiter längerer Beitrag zur zweiten Testcard-Ausgabe (»Inland«) – wieder ein längeres Gespräch über den Vertrieb Indigo und dem damaligen Hausmedium »Notes« aus Hamburg.

Erschienen 1996 in Testcard #2.

Die Neunziger Jahre scheinen – im krassen Gegensatz zu den Prognosen, die noch Ende der 1980er / Anfang der 1990er die bundesdeutsche Musikszen veerunsicherten – das fetteste Jahrzehnt von Pop und Populärkultur seit langem zu werden. Größt-Sponsoren wie Marlboro, Camel u.a. haben ihre Finger in Mammut-Techno-Events, Techno selbst ist inzwischen so etabliert, dass mittlerweile (nach der »Raveline«) mit der »Frontpage« das zweite bundesweite Techno- und Housemagazin an die Kioske geht und (Techno zum dritten): das Vinyl ist keinesfalls tot, sondern wird heute auch weiterhin (wenn auch nicht mehr so häufig) als Tonträger gehandelt.

Obwohl »Independent« heute nicht mehr unbedingt als Qualitätsmerkmal geführt wird, und die Strukturen sich geändert haben (vgl. dazu das Gespräch mit Charlotte vom Ladomat 2000-Label und ihre Aussagen zu den Produktionsbedingungen unabhängiger Musik(er) heute), ist von dem Katzenjammer, welcher noch Anfang der Neunziger die bundesdeutsche Szene und vor allem die sog. »Independentszene« beherrschte, nicht mehr so viel übriggeblieben. Der Konkurs des englischen Indie-»Konzerns« Rough Trade ist ebenso überstanden wie der Wechsel von L’Age D’Or zur Polygram (erinnert ihr Euch an die Vorwürfe, die damals laut wurden, von wegen Ausverkauf etc.?).

Die Hamburger »Independent Nights 92« (bei denen ich zu Besuch war) und mehr noch die Tages-Veranstaltungen in diesem Rahmen brachten Kurioses, aber auch Ernüchterndes zutage: Plötzlich wurden gerade von den Leuten, zu deren Selbstverständnis es bis dato gehörte, nicht nur unabhängig von der Industrie, sondern auch kritisch dem System gegenüber zu arbeiten, Rufe laut nach einer »Quotenregelung« für deutsches Liedgut in den Radios – in der Hoffnung, dass zwischen all den Schlagern, Schnulzen, Evergreens und deutschsprachigen Greueltaten Platz sei für unabhängige deutsche Popmusik (klar, denn es gab ja auch die ganze Zeit viel Platz für unabhängige internationale Musik – oder?).

Nicht zu leugnen ist jedoch, dass sich der Einzelhandel im Tonträgerbereich grundsätzlich gewandelt hat – anstelle der unabhängigen Plattenläden finden sich heute zwar in jeder größeren Stadt Läden für Techno/House (mit tonnenweise Vinyl in den Regalen), und auch die Zahl der Second-Hand-Läden erlebte in der letzten Zeit einen leichten Zuwachs – tatsächlich aber bleiben dies Spezialläden, deren Angebot entweder ständig ausgetauscht (Techno/House) oder aber von ständiger Rückführung bereits verkaufter Ware in einen Kaufprozess (Second-Hand-Läden) bestimmt wird, die Ausnahme.

Im genreübergreifenden Sektor der populären Musik, aber auch im Bereich der etwas anspruchsvolleren E-Musik ist es still geworden um die kleinen, »verwunschenen«, von scheinbar allwissenden Fanatikern geführten Läden. Mediengroßmärkte haben inzwischen quasi Monopolstellung, was den Verkauf von Tonträgern angeht – überwiegend CD-only und überwiegend auf Selbstbedienung ausgelegt. Die Waffen im Kampf um fette Gewinne heißen »Musik für die Massen« und »Finger weg von Schwierigem und Schlechtverkäuflichem« – letzteres war ja noch vor Jahren selbst in Großmärkten zu finden (Saturn Hansa Hannover z.B. hatte eine schöne Abteilung, genannt »Atonal«), aber nachdem die Konkurrenz mehr oder weniger ausgerottet worden ist, scheint auch hier die Bandbreite etwas zurückgegangen zu sein.

Interessiert das den Käufer einer Platte, was da hinter den Kulissen abgeht? Jein – zumindest dann, wenn die überall angekündigte Scheibe beim lokalen Tonträger-Großmarkt nicht zu haben ist, beginnt der eine oder andere sich zu ärgern. Limitierte Auflagen, Liebhaberobjekte, Obskures u.a. finden ihren Weg erst gar nicht mehr in solche Märkte, sondern werden inzwischen durch eine nicht gerade kleine Anzahl von Mailordern – verteilt über ganz Deutschland – angeboten. Damit klafft die Schere zwischen denen, die nach einer Platte suchen, und denen, die kaufen, was sie bekommen, weiter auseinander als je zuvor. Und auch in den Medien schlägt sich diese Entwicklung nieder: Besprochen wird, was relativ gut erhältlich ist – unter den Tisch fallen dadurch obskure, trend- und modeunabhängige Tonträger (ein Missstand, der nicht zuletzt ausschlaggebend war für die Gründung eines Mediums wie Testcard).

In all diesen Wirren, Umbrüchen und Veränderungen hat sich, relativ unbemerkt von einer breiteren Offentlichkeit, 1992 ein Teil der EfA-Köpfe vom ursprünglich unabhängigen Vertrieb schlechthin getrennt (»Energie Für Alle« war das Motto, unter dem Anfang der 1980er Jahre musikalische Innovationen zum Schlag gegen die alteingesessene deutsche Tonträgerindustrie gebündelt wurden).

Aber: nicht nur hat EfA den Weggang von dreien der sechs Gesellschafter (und einer nicht geringen Anzahl Labels) scheinbar gut überstanden – besagte »Dissidenten« haben einfach einen neuen Vertrieb gegründet, dessen Basisprogramm eben aus jenen Labels besteht, deren Traditionen in eine Zeit zurückreichen, als »bewaffneter Kampf« nicht nur Gesprächsthema auf Studentenpartys war, »Atomkraft? Nein Danke!«-Badges auf Büchertaschen, Jeansjacken und rostigen Renaults zu sehen und Worte mit der Silbe »Kommun-« (-e, -itarier, -ismus, -ikation, … ) noch nicht aus dem Sprachschatz verschwunden waren. »Brokdorf«, »Gorleben«, »freies Wendland« – Orte, an denen demonstriert wurde (gegen die Staatsmacht bzw. wie man ein selbstorganisiertes Leben führen kann). Besagte Labels – z.B. Schneeball oder David Volksmund – fanden im Lauf der Zeit Nachahmer im positiven Sinne: Trikont, What’s So Funny About, fünfundvierzig hießen die Labels, die in den 1980ern für eine ganze Menge guter (inter-)nationaler Musikerzeugnisse standen. Und es immer noch tun, auch wenn ihnen der Bonus des Neuen und Andersartigen, wie ihn zur Zeit meinetwegen Labels wie Ladomat 2000, Mego u.a. verbuchen, natürlich im Lauf der Jahre abhanden gekommen ist. Stattdessen treffen wir hier auf gereifte Labels, die z.T. immer wieder aktuell sind – z.B. Normal, die ja auch beim bundesdeutschen Folk-Revival (wer erinnert sich?) fleißig mitgemischt haben und heute mit Curd Duca ein ganz heißes Eisen im Neuen Elektronischen Feuer haben.

Doch hier geht es nicht um eine Riege alter Männer, die sich vom hektischen Popgeschehen durch das Verwalten solcher Klassiker wie »Keine Macht Für Niemand« (Ton Steine Scherben) oder Embryo verabschiedet hat. Im Indigo-Vertrieb finden sich auch stark spezialisierte Labels wie das vor Jahresfrist zum Kritikerliebling avancierte Incoming! mit seiner eklektischen Mixtur aus Ambient, Dub und Neuer Elektronik. Eher markierte Indigo einen Bruch mit einer Entwicklung, die Indigo-Geschäftsführer Jörn Heinecker und der Redakteur des vertriebseigenen Mediums »Notes«, Wolfgang Klebe, mit mir an einem trüben Freitag im Dezember 1995 in einer Kaschemme unweit des Indigo-Headquarters in Hamburg bequatschten. Gerade anhand der Äußerungen von Jörn wird deutlich, wie sehr die Beschäftigung mit Musik sich auf die eigene Biografie auswirkt.

Jörn: Also, grob zum Ursprung von Indigo muss man sagen, dass das natürlich eine ganze Menge Privatheit war, die dazu geführt hat, dass wir Indigo gegründet haben. Nikel, Albrecht und ich waren ja früher Gesellschafter bei EfA – EfA bestand aus sechs Gesellschaftern, und das heißt auch: drei bis vier unterschiedlichen Meinungen bei jeder Auseinandersetzung – das war ganz einfach konzeptionell nicht mehr umsetzbar, da waren manche Sachen schwer durchzusetzen.
Es gab verschiedene Ansätze, wie diese Firma zu führen sei: das seinerzeitige EfA-Konzept, das ja auch durch den ursprünglichen Namen »Energie für Alle« ziemlich gut charakterisiert wird, war nicht mehr das, was wir Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre machen wollten. Unser Herz war einfach nicht mehr so groß, dass wir gesagt haben: Wir machen alles und wir favorisieren alles und wir unterstützen alles. Im Laufe der Jahre bilden sich ja spezifische Interessen heraus, nicht nur bei uns jetzt persönlich, sondern bei allen Gesellschaftern, das heißt: Der eine hat das ganze Business nur noch rein geschäftlich gesehen und gesagt »Ich mach das, wo wir am meisten verkaufen können«, der andere hat gesagt »Ich interessiere mich jetzt für Dance, weil ich in Berlin lebe, ich sehe da gerade einen Megahit und ich will, dass wir ein Trendvertrieb sind, dass wir vorneweg sind« usw.

Zäsur

An diesem Punkt einen Bruch stattfinden zu lassen – noch dazu einen, der von hohen unternehmerischen Risiken begleitet wird – würden wohl die wenigsten riskieren. Dann doch lieber irgendwie weitermachen, gerade in Zeiten, wo die Branche (Indies und Majors gleichermaßen) alles andere als positiv in die Zukunft blickt – oder?

Jörn: Wir haben uns überlegt: Wo geht denn das überhaupt hin, wo liegen überhaupt unsere Möglichkeiten im Schallplattenhandel. Du hast schon recht, das allgemeine Gejammer war und ist auch heute noch so und berechtigt: Es gibt viel zu viele Platten – und die finden viel zu wenig Gehör.
Das heißt, im Grunde genommen geht das Gejammer immer darum, dass die Strukturen gegen die Musik sind, aber im Endeffekt muss man natürlich auch ehrlich zugeben, dass das Interesse nicht so besonders groß oder breit ist, d.h. darin liegt immer das Problem; wenn ich eine Musik produziere oder herausbringe, die jetzt auf tausend Interessenten trifft, da kann ich mich natürlich nur spezieller Medien bedienen – wie Testcard das jetzt faktisch ja auch macht – um diese tausend Interessenten zu erreichen. Wenn ich dagegen in einem Massenmedium mit hunderttausender Auflage versuche, das zu popularisieren, stoße ich permanent an ökonomische Grenzen – ich kann ja nicht eine Anzeige schalten, die vielleicht auf eine potentielle Käuferschicht von tausend Leuten trifft, wenn ich mir als Medium den »Rolling Stone« oder das »WOM-Magazin« nehme.
Im Zuge der einerseits offiziellen Medienvielfalt, die eingesetzt hat in den 1990ern, Privatradios und so, die andererseits natürlich nichts anderes ist als bei allen Privatmedien die Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner, der zu erreichen ist (dass das Privatradio gleichgeschaltet worden ist, dass der öffentliche Rundfunk sich dem Privatfunk angepasst hat, dass die ganzen Spezialisten rausgeflogen sind auf der Suche nach der größtmöglichen Einschaltquote) ist es für die Musik, die wir immer gemacht haben, schwieriger geworden, sich durchzusetzen, ganz klar.
Was die Musik angeht, haben wir ein Picking betrieben innerhalb der Labels, die über EfA bereits vertrieben sind und unter den Leuten, mit denen sich im laufe der Jahre so eine gewisse Umgangsform herausgebildet und kultiviert hat, weil das für unsere tägliche Arbeit eigentlich viel wichtiger gewesen ist als in die konkreten musikalischen Inhalte, die jedes Label symbolisiert, einzugreifen.
Klar haben wir auch bestimmte Vorlieben, und die drücken sich auch irgendwie aus, d.h. sie drücken sich in der Beziehung aus, dass der persönliche Draht zu den Leuten am besten war, die dann letzten Endes mit uns rübergegangen sind, und das sind auch relativ alte Kontakte gewesen, also Label, zu denen wir einen Bezug über die Jahre aufgebaut hatten.
Das Konzept Indigo war im Grunde genommen, »wenig« zu machen und nichts untergehen zu lassen, wobei uns klar war, dass wir die Spitzen sicherlich auch nicht würden besser verkaufen können, als jetzt andere Firmen wie Rough Trade oder SPV, wo alle letzten Endes dahin tendieren (und das macht ja auch Sinn), den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen. Der Vertreter verkauft am liebsten die Platte, die er am einfachsten und am besten verkaufen kann – es ist leichter; jemanden von 10 auf 20 hochzukriegen als von 0 auf 1 zum Beispiel; wenn einer sagt: »Ich will die Platte nicht haben«, dann hast du’s schwer, und wenn du ein Sortiment von 50 oder 100 Neuheiten im Monat hast, dann hast du’s sehr schwer mit diesen Titeln und wirst es langfristig vielleicht gar nicht mehr versuchen.

Medien

Ein anderes Kuriosum des Jahres 1992 war die Zeitschrift »Zounds« – ein Hochglanz-Teil, welches als Chefredakteur nicht nur einen Autoren der alten »Sounds« vorzuweisen hatte, sondern bei den Mitarbeitern ebenfalls hochkarätige Namen der populären Diskurse der späten 1980er und frühen 1990er Jahre. Viele kleine und unabhängige Labels witterten Aufwind, denn trotz der üblich-gräßlichen Titelstories (Midnight Oil, Keith Richards, Jimi Hendrix etc.) zeigte sich »Zounds« überraschend offen gegenüber »neuen« Tönen: Rezensionen der Platten von Orchestre Murphy, Pascal Comelade, Thomas Köner, The Hat Shoes oder David Cunningham suchte man damals selbst in Blättern vergebens, die immer wieder ihre Unabhängigkeit von Industrie und Moden betonten. »Zounds« verschwand so schnell, wie es gekommen war …

Jörn: Es gibt immer den Weg: wenn du durch irgendwelche Instanzen oder Medien nicht durchkommst, kannst du versuchen, eigene Medien aufzubauen, und so haben wir gesagt »Lass uns eine eigene Zeitung machen – lass uns die »Notes« machen. Wir haben auch viel Glück gehabt, wir kannten Wolfgang (Klebe, »Notes«-Redakteur) sehr wenig, und es hätte ja auch sein können, dass wir jetzt zwei völlig verschiedene Sachen im Kopf haben, und dann wäre das ganze Konzept gnadenlos in die Hose gegangen – aber so hat es jetzt ja gut funktioniert.
Wir haben natürlich mit unserem eigenen Printmedium eine ganze Reihe von Problemen, d.h. es kommt auch unter einem relativ starken Sachdruck zustande: alle vier Wochen muss ein Printmedium mit Aktualitätsbezug neu auf dem Markt sein, das im Wesentlichen von einer Person mit Unterstützung von ein paar anderen Leuten gemacht wird. Eigentlich ist so ein Unterfangen ein leichter Wahnsinn, der eigentlich gar nicht zu leisten ist. Unter diesen Rahmenbedingungen ist das Printmedium ausgezeichnet, gar keine Frage.
Letzten Endes kann man sicherlich auch an dem Printmedium mehr verbessern, aber unsere Hauptfrage war ganz einfach: »Wie promote ich eine Platte?«. Wenn ich hunderte von Mustern rausschicke und überhaupt keine Verbindlichkeit habe, also von 200 Platten, die ich rausschicke, fünf wahllose Rezensionen bekomme, Fanzines beschicke, von denen ich nicht weiß, wieviel Auflage die haben und ob sie überhaupt erscheinen oder nicht – da kann ich mich natürlich auch fragen: »Diesen ganzen Aufwand, den ich hier betreibe – kann man das nicht auch kanalisieren?« – oder eben ein eigenes Medium herausbringen. Das war die Hauptidee von der »Notes«. Wobei die »Notes« darüberhinaus natürlich eine ganze Reihe von Funktionen erfüllt: Sie kommt optisch gut daher, d.h. sie ist sehr stark imagebildend und -pflegend für uns als Indigo; sie informiert Endverbraucher und die Einkäufer in den Läden, die in einer relativ lockeren Form daran gewöhnt werden, sich mit den Platten, die wir ihnen liefern auseinanderzusetzen und einmal einen längeren Artikel darüber zu lesen, wo nicht so ein paar komische Facts wiedergegeben werden, wann wo welche Anzeige erscheint, sondern wo ein bisschen Hintergrund ganz einfach geliefert wird und wo das ganze Thema ein bißchen interessanter aufbereitet wird. Und wo nicht zuletzt versucht wird, den Stellenwert der Sachen, die wir machen, zu heben. Das ist unser Anliegen, und oftmals ist ein Artikel in der »Notes« der einzige Artikel, den eine Platte bekommt.
Dass insgesamt das Medienangebot viel zu riesig ist, durch die Internationalisierung des Angebotes natürlich und der Tatsache, dass immer weniger Tonträger zu einem Endverbraucher durchdringen, hat viele Gründe – und das liegt in erster Linie natürlich daran, dass das Angebot riesig und unüberschaubar geworden ist, dass die Hörgewohnheit sich hin zu einem relativ schnellen Konsum verändert hat und dass die Medien in ihrem Layout und in ihrem Inhalt diesen Trend permanent unterstützen – überall geht es weg von irgendwelchen längeren Artikeln, die sich mit einer bestimmten Sache auseinandersetzen, hin zu kurzen Artikeln bis hin zu so einem Bildzeitungsniveau – niemand wird im Endeffekt dazu getrieben, sich mit einer Sache längerfristig auseinanderzusetzen.
Wenn ich mir im Nachhinein anschaue, wie sich Pressemappen zusammensetzen oder was als Print-Artikel so wiedergegeben wird, dann macht sich ein Artikel in der »Notes« immer sehr gut da drin. Es wird also nicht so verstanden als Indigo, sondern es wird schon so verstanden, wie wir es verstanden haben wollen – als letztendlich unabhängiges Medium.
Die »Notes« ist formell unabhängig von Indigo, d.h. Wolfgang arbeitet nicht mit strikten Vorgaben, sondern er arbeitet formell weitestgehend unabhängig und wir nehmen auch überhaupt keinen Einfluss auf den Inhalt der Zeitung.

Wolfgang: Wenn es so wäre, dass ich richtig angekoppelt wäre an den Vertrieb, dann wäre das im Prinzip wesentlich einfacher: Dann würde ich sagen, »Welche Vorgaben gibt es für welche Platte«, d.h. es kommt eine neue Paddy Goes To Holyhead, Verkaufserwartung sagen wir mal 40.000 Stück – das wird also ein achtseitiger Artikel. Es kommt eine neue Ernst Jandl-Sprech-CD oder irgendein obskures Kabarett aus Dresden mit Ernst Jandl-Texten, Verkaufserwartung 700 – das wird also ein 3/4-seitiger Artikel.
So arbeite ich allerdings nicht, sondern ich bin schon in der Lage zu sagen: »Paddy – ein gutes Thema für eine Seite; Ernst Jandl – auf jeden Fall ein Dreiseiter«. So unabhängig bin ich schon mit der »Notes«.

Notes

Die »Notes« erscheint seit kurzem in 18.500er Auflage – als Musikzeitschrift also schon eine ganz ordentliche Streuung. Vom Umfang her steckt sie locker einige mitteldicke Fanzines weg – und kostet nichts, sofern man sie in einem Laden ausliegen sieht. Natürlich ist sie das Organ von Indigo – die Artikel kreisen schwerpunktmäßig um das Vertriebsprogramm: Neuerscheinungen, neue Labelzugänge, Klatsch & Tratsch über die Bands, die gerade touren – dargeboten von einem vielschreibenden Wolfgang Klebe und diversen freien Autoren (u.a. Sascha Ziehn, der auch regelmäßiger Testcard-Autor ist). Wer hier sture Propaganda für »das eigene Zeug« erwartet, wird allerdings enttäuscht: Zu selbstironisch kommen mache Texte von Klebe daher, als dass ich ihm alles abkaufen würde – man sieht ihn förmlich zwinkern; die themenübergreifende Kolumne eines gewissen »Alexander Nev« entpuppt sich zuweilen als satirisches Glanzlicht, und was spricht schließlich gegen einen ganzen Haufen Rezensionen zu Tonträgern aller Couleur (noch dazu, wenn ich dort in den letzten »Notes«-Ausgaben nach Rezensionen von Indigo-Veröffentlichungen vergebens gesucht habe – die »Notes« enthält einen ganz regulären, ziemlich umfangreichen Rezensionsteil, der keinen repräsentativen Überblick über die momentane Tonträgerlandschaft bietet – aber welcher Rezensionsteil tut das schon)?

Wolfgang: Das hat natürlich eine ganze Menge Gründe. Ein Grund ist sicherlich gewesen – das haben wir ab der Nullnummer schon gemacht, da habe ich die Swans zum Beispiel angepriesen – dass wir damit etwas an Glaubwürdigkeit gewinnen.
Die Szene weiß, das ist ein Magazin, das wird ganz offensichtlich von der Firma Indigo finanziert, und die Firma Indigo ist in der Lage, ein Magazin zu finanzieren, das in der Lage ist, schlicht und einfach zu sagen: »EfA hat auch gute Platten im Vertrieb, bei Rough Trade erscheint auch zum Teil tolles Zeug … «. Das war für uns eine extrem wichtige Angelegenheit. Und das macht uns natürlich nach drei Jahren jetzt immer noch sehr glaubwürdig.

Damit tritt jedoch auch – in einem bisher ungewöhnlich starken Maße – plötzlich der Vertrieb als solcher nach vorne. Wenn auch in den Neunzigern verstärkt ein Label-»Bewusstsein« bei Käufern zu beobachten ist – der Vertrieb als bürokratische Struktur liegt traditionell näher am Platten-Presswerk als am Wohnzimmer des Endkonsumenten. Wird hier versucht, eine Verpflichtung gegenüber dem Konsumenten wahrzunehmen, die der Handel, also sowohl die krisengeschüttelten verbliebenen kleinen Läden wie auch die sich z.T. über ganze Häuser erstreckenden Großmärkte, nicht mehr wahrnehmen können?

Jörn: Eindeutig, weil letzten Endes primär dadurch, dass die Läden stärker computerisiert und mit Warenwirtschaftssystemen ausgestattet sind, eine wesentlich raschere Aussortierung im Handel stattfindet, als es früher der Fall war. Es ist faktisch nicht so, dass die Platten sich heute viel schlechter verkaufen als früher, sondern dass die Standzeit der einzelnen Platten in den Läden sich sehr stark verkürzt hat. Und es ist auch so, dass das Angebot so dramatisch angestiegen ist, dass die Chance auf eine Rezension in irgendeinem dritten Medium immer unwahrscheinlicher und geringer geworden ist, d.h. die äußeren Faktoren, die dazu führen können, dass ein Tonträger auf dem Markt Erfolg hat, sind definitiv rückläufig. Daran kannst Du nur etwas ändern, indem Du versuchst, dem in Form eigener Medien etwas entgegenzusetzen.

Die Firma

Indigo hat im Januar 1993 vom Start weg mit 17 Mitarbeitern angefangen – für eine flächendeckende Arbeit scheint diese Zahl ein Minimum zu sein. Für eine Firma, deren Betreiber allerdings auch Wert auf Überschaubarkeit legen, oder, wie Jörn an anderer Stelle des Gesprächs sagte: eine Firma in einer Größe, dass jeder Mitarbeiter noch das Gefühl behält, auch etwas zu sagen und nicht nur als Arbeitskraft zu funktionieren zu haben.

Jörn: Letzten Endes haben wir nichts anderes gemacht, als das zu kultivieren, was wir vorher bei EfA auch schon gemacht haben. Eine Reihe von Ideen, die wir nicht haben umsetzen können und die wir nun erstmals umsetzen konnten. Es stellte sich zum Beispiel heraus, dass eine Firma, die seinerzeit an die 75 Mitarbeiter hatte, zwangsläufig bestimmte Hierarchien hat, die wir aber eigentlich von der Ideologie her nicht haben wollten, und wir haben dann im Grunde genommen auch permanent bestritten, dass diese Hierarchien da wären – was natürlich nicht gestimmt hat. Ich glaube, dass es bestimmte Größenordnungen gibt, bis zu denen du mit einer schwachen Hierarchisierung arbeiten kannst, die sind ein bisschen wie bei einem Familienunternehmen – was man vielleicht noch in einem Rahmen wie Indigo irgendwie durchziehen kann.
Uns war es immer wichtig, dass wir uns sehr stark in die Sache einbringen können, dass wir uns dafür stark mit der Sache identifizieren müssen, und der Profit der Firma musste stimmen. Es war für uns immer vollkommen klar, dass die Firma arbeiten muss, d.h. wir haben uns nicht als Hippie-Unternehmen gefühlt und wir machen das auch nicht aus reiner Selbstlosigkeit, aber ganz wichtig ist immer gewesen, dass der Bezug so weitgehend wie möglich immer da ist und dass wir auch Lust haben, mal an einem Samstag zu arbeiten – wenn es irgendwie sein muss. Und das haben wir irgendwie retten können und aufrechterhalten können, und uns hat zum ersten mal die Arbeit bei Indigo auch wieder Spaß gemacht, nachdem es davor keinen Spaß mehr gemacht hatte aufgrund von Querelen und aufgrund des Gefühls, du bist irgendwo innerhalb eines so großen Unternehmens auch zum Rad geworden, selbst wenn du ein prägendes Rad geworden bist – das heißt, du kannst durch deinen eigenen Einsatz und deine eigene Leistung unter Umständen nichts mehr bewegen.

Exodus – die Labels gehen mit

Indigo startete im Januar 1993 mit einem umfassenden Grundprogramm, das sich aus vielen Labels bildete, die vorher von EfA vertrieben wurden – meine Frage nach Unzufriedenheiten verneinte Jörn jedoch energisch: Mit den meisten Labels (viele davon auch EfA-Labels der ersten Stunde, wie die anfangs erwähnten Schneeball oder David Volksmund) bestanden einfach sehr gute persönliche Kontakte, die beiden Seiten den Sprung ins kalte Wasser erleichterten.

Jörn: Es gab zwei Gründe. Die Labels waren ja mit einer Situation konfrontiert, die sie nicht unbedingt haben wollten – es haben drei von sechs EfAs gesagt »Wir wollen aufhören und etwas Neues machen«, und haben sie damit faktisch gezwungen, sich zu entscheiden, also entweder zu bleiben oder mitzukommen.
Was noch dazukam war, dass wir eine bestimmte Schwerpunktbildung gemacht haben, d.h. wir persönlich haben deutschsprachige Musik favorisiert gegenüber anglo-amerikanischer Musik und wollten bestimmte Schwerpunkte setzen. Das kann man natürlich nicht so absolut sehen, aber wir fanden, dass die irgendwo unterrepräsentiert sind, und es gab da noch ein paar persönliche Interessen, das waren dann eben persönliche Verhältnisse.
Zudem hast du natürlich immer das Problem: in dem Moment, wo du einen Wechsel machst, wo ein Label einen Vertriebswechsel macht, findet ja neben einer ganzen Reihe rationaler Überlegungen ein sehr starkes psychologisches Moment statt: alle Beteiligten sind in so einem gewissen Aufbruchgefühl, d.h. alle fangen gemeinsam etwas Neues an.

Die Labels

Auffällig ist der hohe Prozentteil inländischer Labels am Indigo-Programm –- was wiederum nichts über die internationale Ausrichtung der Labels als solche sagen soll. Auch handelt es sich nicht um eine »Schutzgemeinschaft inländischer Firmen gegen ausländische Invasoren« (ein ähnlicher Tenor herrschte tatsächlich vereinzelt bei den »Hamburg Independent Nights 92« – siehe Einleitung). Lediglich das »alles machen« ist hier nicht so ausgeprägt wie bei anderen Vertrieben (Rätsel: welcher namhafte deutsche »Indie«-Vertrieb bietet neben experimenteller Elektronik für die Kids auch Volksmusik an für die Omas und Opas auf dem Sofa daheim an? Auflösung in Testcard #17).
Das eigene Medium ersetzt z.T. die Promotion der Tonträger – im Jahrzehnt der Diskussionen um Werbekampagnen und der Vorbildwirkung audiovisueller Inszenierungen kein leichtes Unterfangen. Dennoch vertreibt Indigo auch solche Labels, deren Promotion schon durch die örtliche Entfernung aufwendiger und schwieriger ist. Im Falle des Londoner Swim-Labels (gegründet von Ex-Wire Colin Numan und Ex-Minimal Compact Malka Spigel) kümmert sich das Hamburger Strange Ways-Label um die Kontakte.

Wolfgang: Bedingung war uns immer, ob das nun Cooking Vinyl ist oder ob das Swim ist: es muss eine deutsche Promotion-Agentur für die arbeiten oder das deutsche Label, das die ausländischen Labels vermarktet, muss sich um eine anständige Promotionarbeit kümmern, sonst macht es keinen Sinn.

Jörn: Also, es ging jetzt nicht darum, dass wir keine englischen Labels im Vertrieb haben wollten, das ist ein Missverständnis. Uns ging es auschließlich darum, dass die Tonträger, die wir auf den inländischen Markt bringen, promotet werden. D.h. dass in irgendeiner Form eine angemessene Betreuung stattfindet und dass wir das auch jedem Händler irgendwie garantieren oder zusichern können.
Wobei sich natürlich auch stärker ausgeprägt das Problem ergeben hatte, dass eine Promotion auf den Punkt immer schwieriger geworden ist, weil das Angebot an Tonträgern eben immer stärker gestiegen ist; und dass man kaum noch jemandem garantieren konnte: Innerhalb der nächsten Zeit passiert dieses und jenes an Medienereignissen; und dass die Händler aufgrund des immensen Druckes an Neuheiten zunehmend dazu übergegangen sind zu sagen: »Was sich nach sechs bis acht Wochen nicht verkauft hat, fliegt hier wieder raus«.
Wir leiden genauso unter diesem Problem, dass die Platten, die wir vertreiben, eigentlich kaum noch eine Chance bekommen im Handel, wie alle anderen auch. Die Selbstbeschränkung, die wir uns auferlegt haben (dass wir gesagt haben, wir machen nur 20–25 neue Titel im Monat), haben alle anderen Vertriebe dummerweise nicht. Alle anderen Vertriebe haben gesagt: Wenn unsere Umsätze so rückläufig sind, dann nehmen wir eben mehr Titel ins Programm, um das zu kompensieren.
Und das haben natürlich auch die Industriefirmen gemacht – sei es jetzt als Relaunches und Rereleases, dass sowas als permanent neu oder zum fünften Mal wieder auf den Markt kommt. Das ist eine Politik, die uns nicht passt und gegen die wir uns natürlich nur sehr bedingt wehren können. Da haben wir auch kein Allheilmittel dagegen, das ist die Diskussion, in der wir uns im Moment permanent befinden.
Es gibt für uns andererseits überhaupt kein Dogma, dass wir sagen würden, wir machen nur deutsche Bands – absoluter Blödsinn. Das hing auch von ein paar Zufällen ab, also dass ein Großteil der Labels, die wir bei Indigo vertreiben, entstanden ist in der Zeit um 1980, als es im Rahmen von Punk und Indie gang und gäbe war, deutsch zu singen und zum Selbstverständnis ganz einfach dazugehörte. Aus diesem Umfeld kamen unsere Alt-Labels, und für die hat sich die Frage gar nicht gestellt. Ich finde es naheliegend, dass ich mich auf deutsch mit jemandem unterhalte, weil ich mich in meiner eigenen Sprache am besten und am klarsten ausdrücken kann – und ich finde es eigentlich naheliegend, dass eine Band, wenn sie auf die Bühne geht, deutsch singt, und ich habe da unter Umständen mehr Respekt davor, als wenn eine deutsche Band jetzt die englische Sprache wählt, weil die Sorgfalt und das Gewicht auf den Text automatisch ein ganz anderes ist, als wenn jetzt eine Band irgendein Blabla auf englisch singt.
Ansonsten denke ich, dass man jeden beim Wort nehmen sollte, was er singt, und wenn Leute nur Müll zu erzählen haben, sollte man sich damit auseinandersetzen, warum ihnen nichts besseres einfällt, als Blödsinn zu singen.

Wolfgang: Ich glaube auch nicht, dass man das Deutschtümelei nennen kann: Hans Söllner, Georg Ringsgwandl oder Ton Steine Scherben zu vertreiben würde ich nicht unbedingt als Deutschtümelei bezeichnen.

Jörn: Das sind ja auch ausnahmslos Leute – wenn man eine Polarisierung machen will – die man dem linken Lager zuordnen müsste, ganz eindeutig. Und die fast alle eindeutig immer Stellung bezogen haben. Wenn ich bedenke, dass eine Band ein Demo bei der Industrie auf den Tisch legt und die sagen, das wäre alles ganz gut, nur würden sie mehr Gewicht auf englische Texte legen, und die Band kommt vier Wochen später wieder und hat alle Texte übersetzt – ich glaube aus solchen dämlichen Gründen hat jetzt hier bei uns niemand die Sprache gewählt.
Was wir feststellen ist, dass alle anderen Vertriebskanäle außerhalb des Plattenhandels sich unter Umständen besser entwickeln, aber der Tonträgerhandel selbst im Grunde genommen zugeknöpfter wird. Klar, denn jede Form der industriellen Produktion setzt eben auf sehr hohe Stückzahlen und Umsätze in kürzester Zeit. Freaks und Fans verschwinden zunehmend aus irgendwelchen Plattenläden, kleine Läden machen dicht zugunsten irgendeines Großmarktes, der irgendwo in der Peripherie aufmacht, und Läden dieser Kategorie führen eben anfänglich bestimmte Programmbereiche als Alibi oder Sortimentbegründungsfunktion.

Wolfgang: Das wird ein bisschen durch Mailorder kompensiert – die Mailorder-Schiene scheint tatsächlich ein bisschen wichtiger zu werden.

Mailorder, der (aus dem Englischen, heißt in etwa »Bestellung per Post«); meistens in drei Kategorien unterteilbar:
1. Spezialversand mit kleiner, aber treuer und kaufkräftiger Klientel;
2. Ramschversand mit zahlenmäßig größerer, aber weniger kaufkräftiger Kundschaft;
3. Alles-Anbieter (nein, haben auch nicht alles … ) mit Käuferschar aus der Mitte – wo immer die auch liegt …
Ein Mailorder kann in seinen Katalogen entweder marktschreierische Parolen verbreiten, um möglichst viel Stücke abzusetzen – er kann aber auch ein Know-How vermitteln, das im Neonlicht steriler Warenhäuser verloren gegangen ist.

Jörn: Diese Märkte werden eben geführt von Kaufleuten. Diese Kaufleute arbeiten mit Warenwirtschaftssystemen, in denen die Ware sich umschlägt – und nichts anderes interessiert mehr. Die Märkte leben von einer Denkweise, indem sie sagen: das Know-How und die Intelligenz im Laden ist das, was sich in meinem Computersystem befindet, und dieses Computersystem muss so gut sein, dass es das Know-How des Verkäufers letzten Endes ersetzt.
Und damit stirbt natürlich ein ganz wesentlicher Teil der Kultur – die Fähigkeit, sich mit irgendjemandem zu unterhalten, sich eine Empfehlung geben zu lassen. Letztendlich wurde eine Situation der absoluten Anonymität geschaffen, die bei ganz vielen Leuten funktioniert – ganz viele Leute haben ja auch Angst, in kleine Läden reinzugehen, weil sie verlernt haben, sich mit dir als Verkäufer zu unterhalten. Da gibt es eine absolute Hemmschwelle, die gehen nicht rein – die gehen natürlich dann in irgendeinen Supermarkt, weil sie absolut in Ruhe da rumwatscheln können und sich in Ruhe die Sachen aussuchen können; niemand macht sie an, niemand kommt an und fragt: »Kann ich dir helfen?«.

Wolfgang: Man nimmt eben auch in Kauf, dass man eventuell den Laden ernüchtert wieder verlässt, weil man das, was man gesucht hat, nicht bekommen hat. Der Computer kann Dir sagen, welche Dead Kennedys-Scheiben noch lieferbar sind, er kann Dir aber nicht sagen, wie die Band hieß, in der Jello Biafra gesungen hat. Das kann dir aber ein halbwegs guter Mann an der Information erzählen.

Nachbemerkungen

Bei Indigo feierte man im Januar 1996 den dreijährigen Geburtstag. Es ist tatsächlich gelungen, den Vertrieb neben EfA und Rough Trade als dritten wichtigen Vertrieb für nicht primär von der Unterhaltungsindustrie entwickelte akustische Freizeitstrategien zu etablieren. Die »Notes« hat schon längst ihre 25. Ausgabe gefeiert – und das in einer Zeit, in der das auflagenstärkste Musikmagazin Deutschlands das »WOM-Journal« ist …

Jörn: Es ist schwieriger geworden, seinen Widerstand gegen Dinge zu artikulieren … es gibt diesen blöden Slogan »one world, one music«, so absolut emotional überfrachtet – unser Anliegen ist, zu sagen: »Eine Welt und tausend Kulturen«, und gegen eine stilistische Einfalt würden wir versuchen, eine stilistische Vielfalt zu setzen.
Unser Anliegen ist, Dinge zu bewahren oder zu erhalten, die irgendwo vorhanden sind, und zwar nicht im konservativen Sinne, sondern weil es ganz einfach unsere Weltkultur ist. Ich möchte, wenn ich von »international« rede, nicht überall Coca Cola trinken müssen, weil es kein anderes Getränk mehr gibt – und das trifft eben auch auf die Musik zu. Es ist eigentlich blöde, dass auch auf dem musikalischen Terrain alles verwurstet wird – es ist spannender, zu reisen und Dinge zu entdecken, durch die Musik der Welt zu reisen, und Dinge eben auch in möglichst ursprünglicher Form zu sehen. Und das findest du eben auch im Programm von Indigo punktuell oder ansatzweise wieder. Und in diesem Sinne sind wir auch relativ resistent gegen das, was am Markt passiert – wir sind nicht absolut trendorientiert.

Indigo-Notes gibts in diversen Plattenläden; ein Schnupperexemplar gibts gegen 3,- in Briefmarken bei
Indigo Notes, Wolfgang Klebe, Jaffestraße 12, 21109 Hamburg


Ursprünglich erschienen in
R. Behrens / M. Büsser / J. Ullmaier / J. Kleinhenz (Hg.):
testcard #2 – Inland
Ventil Verlag, Mainz 1996, 302 Seiten, ISBN 978-3-931555-01-6
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