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CD Kritik Schallplatte

Tonträger-Rezensionen (Testcard #2)

Lesedauer ca. 25 Minuten
Mein Tonträger-Rezensionen in der zweiten Testcard-Ausgabe (»Inland«).

Erschienen 1996 in Testcard #2.

V.A.: »A Highly Ragged Guide To My Kind Of Blues«
Serious Solid Swineheard Is Better Than Homecooked: »Clapham Junction«
Stephen Buchanan: »Those Who Say«

(alle: CD – AMF/RNML)

»Einmal mehr hat sich der Produzent Reinhold Knieps auf musikalische Spurensuche begeben und wieder einmal versteht er es, auf originelle Weise Musiker und Komponisten der unterschiedlichen Musikkulturen und Stilistiken in ein harmonisches Konzept einzubinden.«

Presse-Info zur »Ragged Guide«-Compilation

Ach, natürlich könnte man auch hier schon wieder stänkern (wie Martin Büsser es zu Recht in einer anderen AMF-Rezensiom tut): Was ist das denn für eine Spurensuche, wo immer wieder die gleichen Musiker gefunden werden? Die kommen nämlich allesamt aus der Recommended- bzw. ArtRock- bzw. Improvisierte Musik-Tradition. Jeder, der nicht nur Mainstream-Klumpen im Ohr hat und es gewohnt ist, nach Platten zu suchen statt immer nur das von den Großmärkten Vorgesetzte zu konsumieren, stößt früher oder später wohl sowieso auf einige der hier vertretenen Musiker und Bands: Dull Schicksal, Non Credo, Anna Homler, Bruno Meillier, Bene Gesserit, Human Flesh.

Andererseits: Warum steht eine CD wie diese nicht in jedem Laden, der Tonträger anbietet? Zum einen sollen nämlich all die bisherigen Ausführungen keinesfalls auf mangelnde Qualitäten bei den Musikern hinweisen, im Gegenteil: fast alle Beiträge sind durchaus gelungene Spagate zwischen Experiment und Konvention – sie überfordern nicht, aber (was wichtiger ist) sie langweilen auch nicht. Langweilen tut mich lediglich das Auftauchen des Wörtchens »Blues« – diese Genrebezeichnung musste in der Vergangenheit für so viel Mist herhalten, und die Leute, die sich mir gegenüber bisher als »echte« Blues-Fans zu erkennen gaben, waren in der Regel dumpfe Klischeehörer mit nicht einer Spur von eigenem musikalischen Geschmack. Die, lieber Reinhold Knieps, wirst Du selbst mit so einem CD-Titel niemals für andere Musik begeistern können – mich allerdings schon: als super-super-exemplarisches Stück für die Auffassung von Blues (sic!), wie sie auf diesem Sampler zelebriert wird, sei das Billy Tipton Memorial Quartet mit seiner Interpretation meines Hendrix-alltime-Klassikers »Manic Depression« erwähnt (welches ja selbst schon eine gelungene Dekonstruktion des Blues war, wie sie von Hendrix leider doch zu selten betrieben worden ist …): »All Maniac« verwandelt das treibende, pumpende, einer Stampede gleich nach vorne losrasende Hendrix-Ungetüm in ein fragiles, introvertiertes Juwel, getragen von den Saxophonklängen von Amy Denio (auch gute Solo-Veröffentlichungen und mit der Band Tone Dogs – go for it!) und ihrem Damenquartett (plus Drums).

Ich fand den Titel zur gelungenen Vorgängercompilation »Poetic Silhouettes« (ebenfalls AMF) passender – musikalisch gibt es hier allerdings auch wieder alles andere als Schonkost (es sei denn, man/frau hätte sich tatsächlich von Pop als Genre und Stilistik verabschiedet: für solche Leute ist das hier mit Sicherheit zu soft – allen anderen, die keinen Widerspruch in harmonischen Arrangements mit experimentelleren Beiklängen sehen
bzw. hören, sei diese CD ans Ohr gelegt).

Serious Solid Swineheard … mag ich nicht. Ich mochte ihr Vorgängeralbum nicht, und ich bin auch hier überfordeft: für ältere Männer, die glauben, die Verbindung von Rock, Jazz, Collage und Lautpoesie (frech: »Krach«, ein knallhartes Plagiat von Cassibers »Crusoe’s Landing, nur schlechter, unechter) sei 1996 das Wildeste und Experimentellste, schlägt mein Herz inzwischen nur noch unregelmäßig. Vieles auf der CD wirkt verklemmt/verkopft, bloß um im nächsten Moment in miese, stereotype Sounds überzugehen (ich sehe die Stretch-Jeans-Hosen schon vor mir). Ausnahme: »Buddy & Soul« – nicht weil es diese Vorwürfe von mir souverän abschmettern würde, sondern weil es tatsächlich alle möglichen Klischees so perfekt vereint, dass ein kleines Frankenstein-Monster entstanden ist, zusammengesetzt aus lauter Glanzlichtern der letzten 30 Jahre Rock und Pop, obendraufgeschraubt der Kopf von King Crimson. Bitte als Single auskoppeln oder die CD zum Singlepreis anbieten – es gibt momentan andere Alben, die mehr liefern fürs Geld.

Zum Beispiel Stephen Buchanan: Zwar weiß auch er, wie man mich zur CD-Player-Fernbedienung greifen lassen kann – das ist aber wirklich nur beim Opener nötig (deswegen lohnt sichs schließlich auch gar nicht, loszuskippen). Eine Art Rock-Rap (vielleicht steht ja jemand drauf) bietet den Auftakt zu einer höllischen Collage aus Gitarren, Stimmen, Saxophonen etc. – mal dicht und erdrückend, dann wieder luftig und voller Fenster, aus denen man hinaus- bzw. in die man hineinschauen kann. Konzeptionell ist das Album des New Yorkers eine Abrechnung mit der europäischen Amerika-Phobie – statt sich jedoch auf blöden Patriotismus zurückzuziehen (»now I won’t say my country is great / that red white and blue pigsty of hate…«), macht Buchanan einige recht passende Statements zum Betroffenheits-Gutmenschen-Verganheitsbewältiger europäischer Prägung: »Annie’s diary, Schindler’s list. Why, you old hypocrite, if they weren’t white you wouldn’t care, they’d be long forgotten… Schließlich ist – wie er treffend bemerkt – ja auch das von uns geschmähte Amerika ein Stück weit nichts anderes als die Essenz europäischer Kultur in konstruierter und perfektionierter Reinform (wo kamen die Besiedler denn her?).

ElpH vs. Coil: »Worship The Glitch«

(2×10″/CD – Eskaton/World Serpent)

Ach ja, Coil:Ex-Throbbing Gristle bzw. Ex-Psychic TV mit zeitweise leichtem Hang zu bombastisch anmutenden Popnummern – was ihnen wohl auch die starke Resonanz im Gruftie- und Darkwave-Umfeld eingebracht hat. Dann wieder: Coil, die »Tainted Love« covern; Coil, die Musik zu Filmen von Clive Barker machen (»Hellraiser Themes«); Coil, die Techno und Dub für sich entdecken (»Love’s Secret Domain«, »The Snow«); Coil, die auf diversen Samplern immer mehr oder weniger gelungene Beiträge abliefern. Und jetzt Coil mit einer CD bzw. 2×10″, die soweit weg ist von all dem, was die Band vorher und was ihr Oeuvre zum Großteil ausgemacht hat. Elektronik, die auf eigenwillige Art viel weiter geht als all die wie Spielereien anmutenden Veröffentlichungen der Neuen Elektronischen Musik, die derzeit so hip sind und die in den Neunzigern plötzlich auch wieder für eine Offenheit auf Seiten der Hörer gesorgt haben, wie sie in den 1980ern (wo Underground sich tatsächlich völlig in selbigen zurückgezogen hat, nur um den Begriff herzugeben für die Vermarktung eines der grässlichsten rockistischen Revivals, das die populäre Musikkultur in ihrem gesamten Bestehen erleben musste) lange nicht vorgeherrscht hat.

Ein Coil-Album 1996 enthält keine Beats, keine Rhythmen, keine Harmonien (bzw. nur Fragmente von solchen), keine Melodien – auf diesem Album findet sich reine elektronische Klangzauberei, seltsam, sperrig, völlig abseits von irgendetwas, das auch nur die Chance hätte, ein kleiner Trend zu werden. Wer heute nach Finnland rennt, um sich dort Platten zu kaufen, und wer sich dann auf seinem Panasonic- oder Ø-Album ausruht, der hat das wenn auch nicht spannendste, so doch »weirdeste« Album leider schon wieder verpasst. Würde Pierre Henry heute noch einmal eine Allianz mit Pop eingehen (erinnert sei an das – wenn auch mittelmäßige – Album zusammen mit Spooky Tooth, oder an die viel bessere »Rock«-Verarbeitung und »Psych«-Karrikierung in »La Reine Verte«, der B-Seite einer obskuren Philips-Veröffentlichung von 1968: »Messe Pour Le Temps Present«), dann könnte das Ergebnis so klingen. Wobei anzumerken wäre, dass Coil hier eigentlich schon lange keinen Pop mehr machen: das hier ist Elektroakustik pur.

Foyer Des Arts: »Die Menschen«

(LP/CD – Fünfundvierzig/Indigo)

Das beste, was sich über die neue Foyer Des Arts-Platte sagen lässt, ist, dass die Gruppe heute klingt wie die deutsche Ausgabe von Japan – vor allem das sonore Organ von Max Goldt weist immer mehr Ähnlichkeiten zu dem von David Sylvian auf, aber auch die musikalischen Arrangements sind Pop vom feinsten; d.h.: nie zu glatt, aber auch nicht unnötig sperrig.

Dennoch bleibt ein leicht fader Beigeschmack nach dem Hören der »Menschen« zurück. Als Texter hat sich Goldt von der spitzen Zunge, die noch für seine hervorragenden Solo-Arbeiten bezeichnend war (z.B. »Die majestätische Ruhe des Anorganischen«), weitgehend verabschiedet zugunsten eines zynisch-sarkastischen Tones, der bestenfalls noch als »indifferent« durchgehen könnte. Die meisten Fehler verzeihbar, dem Krieg bleibt man besser fern, das beste am Leben weiterhin die Menschen – weite Teile der CD muten wie Rechtfertigungen an, keine Stellung beziehen zu wollen bzw. gewissen Problemen aus dem Weg zu gehen. Bei Goldts sprachlicher Versiertheit wären bissigere, vor allem aber eindeutiger Stellung beziehende Texte möglich gewesen – so bleibt der Hörer dem unverbindlichen Geplauder eines »reformierten Herren« ausgeliefert, verpackt in einer musikalischen Pralinenschachtel.

V.A.: »In Memoriam Gilles Deleuze«

(DoCD – Mille Plateaux/EFA)

Was haben wir hier? Eine Tribute-CD an einen der gerade für die populäre Kultur wichtigsten Denker der letzten Zeit? Dessen zusammen mit Felix Guattari veröffentlichtes Buch dem Label aus Frankfurt am Main seinen Namen gegeben hat? Oder mehr?
Es ist mehr: über zweieinhalb Stunden, in denen aufgeschlossene Hörer(innen) in den modernen elektronischen Klängen wie in einer Ausstellung flanieren können. Achim Szepanski, Chef des Mille Plateaux-Labels, hat sich redlich Mühe gegeben – die Zusammenstellung dürfte schon jetzt als eine der essentiellsten Werkschauen im Pop der Neunziger gelten.

Das Spektrum reicht von Szepanskis früheren Gefährten Wollscheid und Wehovsky (beide Selektion) über »Isolationisten« wie :Zoviet*France oder Jim O’Rourke bis hin zu aktuellen MP-/Force Inc.-Acts wie Ian Pooley oder Alec Empire. Die Zusammenstellung versucht auf musikalischer Seite ein Szenario zu entwerfen, das Deleuze wohl als »rhizomatisch« vernetzt/verflochten bezeichnet hätte.

Und um diese Anbindung der Musik an die Theorie von Deleuze geht es hier wohl auch – zu zeigen, dass Sounds und Klänge anderen Gesetzen gehorchen als denen der eindimensionalen abendländischen (Musik-)Geschichtsschreibung. Das gelingt natürlich: als Zusammenstellung verschiedener Ansätze Neuer Elektronischer Musik erfüllt diese DoCD nicht nur das Soll, sondern setzt wahrscheinlich auch Maßstäbe. Die meisten Stücke hier sind komplexe Soundarchitekturen, ohne bis ins letzte Detail durchgeplant zu sein – das schafft Raum für Zufälle, immer neue klangliche Details und immer neue Variationen. Mit Rhythmen wie mit Sounds wird sehr unorthodox umgegangen – ohne diesen Umgang wiederum zur Masche zu stilisieren. Das ganze hat das Flair einer akustischen Ausstellung, in der man als Hörer(in) herumwandeln kann; und es lohnt, bei den einzelnen Stücken zu verweilen, genau hinzuhören und sich in die klanglichen Strukturen zu vertiefen.

Was den theoretischen Aspekt des Ganzen betrifft: niemand würde heute anzweifeln wollen, dass die Theorie des »Rhizoms«, wie sie von Deleuze (und Guattari) aufgezeigt worden ist, v.a. auf (sub-)kulturelle Modelle besser anwendbar ist als die offiziell gepflegte Sichtweise, nach der Ursachen eindeutige Wirkungen zugeordnet werden (was jetzt natürlich eine sehr einfache und daher unzutreffende Art ist, diese Theorie zu beschreiben). Was mich stutzig macht, ist lediglich die Tatsache, dass z.B. eine Gruppe wie :Zoviet*France, die von der Musikästhetik her ganz klar zu dieser Zusammenstellung passt, schon seit bald 15 Jahren eine komplexe Soundarchitektur betreibt – also bereits seit einem Zeitpunkt, als noch nicht jeder Musikjournalist über solche Theoretiker wie Deleuze gesprochen hat. Über :Zoviet*France übrigens auch nicht …

Indicate: »Whelm«

(CD – Touch/Semaphore)

V.A.: »Itineraire«

(CD – Selektion)

Zuerst Indicate: Jim O’Rourke und Robert Hampson, beide leidlich bekannt, beide vor Jahren noch durchscheinbar ästhetische Differenzen in verschiedenen, untereinander kaum kommunizierenden musikalischen Lagern zu finden. Drei Stücke mit Ambient-Musik im weitesten Sinne. Pausen in den Stücken lassen einen immer wieder abschweifen, die Stücke suchen eher durch einzelne Segmente Aufmerksamkeit, als dass sie im Ganzen eine durchgehende Linie verfolgen würden: zu offensichtlich werden Spannungsbögen gebrochen, Stimmungen verändert – ein akustischer Spaziergang (der uns öfters ins Freie bringt), der uns mal in Gedanken versinken lässt, nur um uns im nächsten Augenblick auf Phänomene am Wegrand aufmerksam zu machen. Mehr kann eine so angelegte Musik nicht erreichen, und viele erreichen nicht einmal das. Indicate schon. Vielleicht sogar mehr.

Vom Konzept her völlig anders, aber klanglich ähnlich abwechslungsreich, vielschichtig und großzügig angelegt ist die Compilation »Itineraire«, auf der Bernhard Günter, Giancarlo Toniutti, Asmus Tietchens und Frans De Waard sowie Selektion-Mitglied Achim Wollscheid auf der Basis von Bearbeitung und Weitergabe von Klangmaterial eine Kette unterschiedlich tönender Glieder präsentieren, ergänzt durch eine Sammlung ungewöhnlicher Bildtafeln anstelle eines Booklets (gleiches gilt übrigens für die »Indicate«-Veröffentlichung). Dabei zeigt dieses Projekt wieder einmal sehr gut das Prinzip von »Selektion« – dem fertigen klanglichen Endprodukt setzt das Label aus Frankfurt seit Jahren schon das unfertige, im Werden begriffene entgegen; Tonaufnahmen stellen immer nur Schnappschüsse auf einer Strecke dar, deren Ausgangspunkt manchmal, deren Ende allerdings nie in Sicht ist.

Es ist müßig, über Entstehung solcher Klänge zu spekulieren – wer will schon analoge gegen digitale Technik ausspielen? Beide CDs entsprechen nicht nur ästhetisch, sondern auch klanglich der Spitze dessen, was Mitte der Neunziger Jahre – streng nach den gängigen Kommunikationsgesetzen sowohl »gesendet« als auch »empfangen« werden kann. Das befördert sowohl Produzenten als auch Konsumenten dieser Musik aus allen Diskursen hinaus, die um eine Einbindung dieser Ästhetik in einen übergeordneten Rahmen bemüht sind. Übrig bleibt die Gewissheit, dass – mal ehrlich – trotz aller Schelte auf Marktgesetze und Meinungsmacher, trotz Gewettere gegen den »Mainstream« und trotz aller immer wieder unterstrichenen Offenheit die wenigsten bereit sind, sich tatsächlich auf solche akustischen Abenteuer einzulassen. Leider.

VA: »Isolationism«

(DoCD – Virgin)

Dass »Ambient Music« in den 1990ern ein überraschendes, wenn auch vorhersehbares Comeback feiern konnte, liegt nicht zuletzt an der Abkehr einiger Bands bzw. Musiker von der plakativen harten Rockästhetik hin zu verhallten, verdubbten und der Rhythmen weitgehend befreiten Sounds. Stücke dürfen plötzlich wieder 20 Minuten oder länger dauern, kein Bass ist tief genug, keine Stimmung dramatisch genug – beispielhaft für diese Entwicklung: der Werdegang von Napalm Death-Schlagzeuger Mick Harris und sein Mitwirken an Projekten wie Scorn, Lull oder Painkiller (von letzteren gab es ebenfalls eine Ambient-DoCD, womit sich auch High-Speed-Freak John Zorn plötzlich im Lager der langsamen Töne wiederfand – absurd, oder?). »Isolationism«, von God-Chef Kevin Martin zusammengestellt, versammelt auf zwei knapp 80-minütigen CDs einen Überblick über die andere Art der Ambient-Music: Zwar finden sich auch hier Acts wie Aphex Twin oder Seefeel, deren Popularität in erster Linie auf die überraschende Resonanz gerade aus dem Techno/House-Lager zurückzuführen ist. Mit AMM, Toop/Eastley, Lull, Thomas Köner, Jim O’Rourke, :Zoviet*France oder KK Null werden hier allerdings auch Projekte und Musiker so in einen Kontext mit erstgenannten gestellt, dass man an der Unumstößlichkeit musikalischer Grenzen oder Generationen zweifeln mag.

Allen gemein ist die radikale Verwendung von Sound abseits von Anbiederung an irgendwelche Hörerwartungen irgendeines Publikums, am besten nachvollziehbar am Beitrag Thomas Köners: »Kanon (Part One: Brohuk)« steht ganz in der Tradition seiner drei auf dem niederländischen Barooni-Label veröffentlichten CDs – tiefe, verhallte Frequenzbündel (Harmonien, wem das Wort nicht gefällt) dehnen sich in Zeitlupentempo in Raum und Zeit aus, die Stimmung ist eher dramatisch, mollig, und Details entdeckt man meist erst in dem Moment, in dem sie verklungen sind. Diese Musik könnte genauso gut im Konzertsaal des Hessischen Rundfunks, während eines Industrial-Events in irgend einem leeren Brückenpfeiler, als Soundtrack zu einem Endzeit-Science-Fiction-Streifen oder als Hintergrundgeräusch in einer riesigen Fabrikanlage laufen. Kevin Martin weist in seinen Linernotes jedoch auf den tatsächlichen Ort hin, an dem diese Musik wie sonst nirgends funktioniert: es sind die eigenen vier Wände, in die sich der Hörer mit diesen Sounds zurückzieht, sich »isoliert« und sich seinem Solipsismus (Martin verwendet dieses Wort) hingibt.

In einer Zeit, in der die großen, übergreifenden Ideen offensichtlich fehlen, in der sich alles ins Private zurückzieht und Ohnmacht gegenüber Systemen (der ersten Welt) herrscht, wo Wohlstand und Sicherheit wieder zu Privilegien weniger umgebaut werden, scheint diese Musik nichts mehr zu befördern außer einem Eskapismus bzw. Hedonismus. Wer jedoch genauer hinhört, wird merken, dass die Kommunikation dieser Musik sich zwar nur noch zwischen Medium und Gebraucher deesselben in intimer »Tête-à-tête«-Atmosphäre abspielen kann – dass diese Musik aber auch eine Oase ist inmitten all der leerlaufenden, abgedroschenen und zu Hülsen verkommenen Phrasen der Weltverbesserer, die, vor die Wahl gestellt, noch immer erst ihren Kontostand verbessert haben. Und von dieser Oase nonverbaler Musik aus lässt sich vielleicht in absehbarer Zeit wieder eine Haltung formulieren, die es ermöglicht, Dinge nicht nur zu benennen, sondern seine Taten wieder konkret den Inhalten zu Diensten zu stellen, die wir vergebens in plumpe Reimschemata und schmissige Akkord- und Rhythmusfolgen hineininterpretieren.

Jetzmann/L. Ski: »Retro/Supra« (7″) / »Nord Jahre Target« (10″)

(beide: The Bog)

Auf beiden Scheiben laufen keine Schlager ab, sondern »elektronische Musik«. Sie wird so »E« präsentiert, dass sie (natürlich) nur »U« sein kann: Strenge in Label-Logo und Coveraufbau, in Typographie und der dezenten Farbgebung lassen vermuten, dass man sich dieses Spiels von »E« und »U« bewusst ist. »E/U« hieß eine LP des ebenfalls aus Hamburg stammenden Asmus Tietchens, dessen opulentes Oeuvre noch gewürdigt werden muss.
Tietchens wiederum hat u.a. eine Kollaboration mit L. Ski (aka Liquidsky) namens »Monoposto« veröffentlicht. Und L. Ski verwendet nun Klangmaterial der letzten Tietchens-CDs, um zusammen mit Jetzmann »Nord Jahre Target« daraus zu machen, eine 10″-EP mit drei Stücken. Auf der 7″, die die beiden Herren mittleren Alters auf dem Cover vorstellt, finden sich zwei Stücke des Komponisten Petersen. Wer immer das auch sein mag …

Wem die Rezension bisher genügte, der kann jetzt losrennen und sich diese wie »kostbare klangliche Juwelen« konzipierten und verpackten Scheibchen holen. Anderen, die weiterlesen möchten, sei noch folgendes gesagt: meine Vorfreude auf die beiden Scheiben, mein Interesse an den Klängen, die da wohl zu erwarten wären, an den vielleicht neuen Fusionen von Genres wie z.B. Techno (im weitesten Sinne) und Hamburger Elektronik-Tradition (mit Tietchens als Fixpunkt), waren ziemlich groß. Auf meinen Plattenspielern fand ich jedoch zwei Stücke Vinyl, die (egal, welchem Genre man sie zurechnet) musikalisch gerade mal Hausmannskost liefern: die unrhythmischen Stücke sind belanglose Klangflächen, die nicht einmal durch einen unterlegten Rhythmus an Spannung gewinnen – die rhythmischen Stücke bewegen sich auf einem Niveau, das wohl der Vorstellung älterer Herren von Techno entspricht. Vielleicht verbirgt sich hinter alledem aber auch eine kompositorische Strenge, die zu erfassen mein kleines Spatzenhirn respektive meine Spatzenohren nicht in der Lage sind. Ich fand die Tietchens-CDs jedenfalls allemal gelungener als diese seltsamen Adaptionen …

»Mesmer« (LP)
V.A.: »Mesmer Variations« (DoCD)

(beide: Ash International/Touch/Semaphore)

Die Veröffentlichungen des Londoner Touch-Labels propagierten immer eine intensive Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Medium auf Seite des Konsumenten: seien es die z.T. opulent ausgestatteten frühen Kassettenveröffentlichungen, die LPs mit ihren aufwändigen, ästhetisch immer auf unfehlbarem Niveau gehaltenen Hüllen oder die Compact Discs, die oft (z.B. bei den Hafler Trio-Veröffentlichungen) nur Beigaben zu üppigen Broschüren voller Pamphlete und Manifeste zu sein schienen. Die intensive Beschäftigung des Labelmachers Jon Wozencroft mit Sprache – oder allgemeiner: Kommunikation – und seine enge Zusammenarbeit mit dem Design-Shooting-Star der 1980er Jahre, Neville Brody (dessen beide Monographien Wozencroft herausgegeben hat), aber auch die Unerschrockenheit gegenüber ästhetischen Kontrastierungen (visuell als auch musikalisch) lassen die Veröffentlichungen von Touch im Feld von »Multimedia« – trotz technischer Schlichtheit (von wegen interaktiver CD: es gibt bei jeder Touch-Veröffentlichung im gleichen Maße Stoff für Augen, Ohren- und das Hirn!) – immer noch wegweisend erscheinen.

Mit Ash International hat sich Wozencroft eine weitere Veröffentlichungsplattform geschaffen, die speziell auf die Neunziger zugeschnitten ist und Tonträger liefert, die entweder clubtauglich sind (Sandoz, H3ÖH) oder aber absolut ungewöhnliches akustisches Material enthalten (»Runaway Train«, eine EP, die ein Zugunglück in den 1950er Jahren dokumentiert – anhand der letzten aufgezeichneten Funkminuten; oder »Blind/Fragment«, eine LP voll mit Funkverkehrmitschnitten eines Luftwaffenpiloten mit seiner Basis). »Mesmer«, benannt nach dem »Entdecker« des tierischen Magnetismus, Franz Friedrich Anton Mesmer, ist eine Platte mit drei monotonen, perlenden, in sich selbst verwobenen und immer wieder durch sich selbst geloopten Stücken, die mit den Wahrnehmungsmustern des Menschen spielen und den Hörer in Trance versetzen sollen.

Diese Platte wurde wiederum einer Handvoll Musikern gegeben mit der Bitte, sie als Ausgangspunkt für eigene Stücke zu verwenden. Teilgenommen haben u.a. Bruce Gilbert und Graham Lewis, Bernd Friedemann aka Drome, C.M. Von Hausswolff (Phauss), Robert Hampson (Main), Lagowski aka S.E.T.I. und andere – herausgekommen ist ein kleines Highlight im Bereich neuer experimenteller Elektronik. Abseits von Aphex Twin und Sähkö werden hier Sound-Entwürfe vorgelegt, die weder schocken noch einlullen wollen. Einige der Stücke klingen nach vertrauten, aber nicht unangenehmen Mustern – andere hingegen wieder so fremdartig, unneutral und fordernd, sowie nur ungewöhnliche Platten es hin und wieder verstehen, dem Hörer keine Wahl zu lassen zwischen Zuhören oder Abschalten. Natürlich in einer Loseblattsammlung verpackt, die eine Biographie Mesmers enthält.

»Middle Of The Moment« (Soundtrack)

(CD – RecRec/EFA)

Five years after »Step Across the Border« …« – seufz! Der Aufkleber auf dem CD-Cover weckt Nostalgie beim gereiften Pop-Avantgarde-Hörer: damals lief ein Dokumentarfilm über den Musiker Fred Frith (von Henry Cow, Brian Eno und den Residents über Art Bears, Skeleton Crew und John Zorn hin zu Fred Frith Superstar) nicht nur in den besseren Kinos, sondern sogar im Bayerischen Fernsehen (dickes Ausrufezeichen).
Der Rock-/Pop-Mainstream war schon genauso belanglos wie heute, 1996, und Techno und Artverwandtes zu laut, simpel und monoton-blöd, um eine »Hörer«-Schaft (as opposed to »Tänzer«-Schaft) zu ködern, die – sagen wir einmal – in den Achtzigern die »intellektuellen« Platten von Sting, Simply Red oder sogar Prince goutierte.

Leider war der Film jedoch zu gut, um ein zahlenmäßig relevantes Publikum dauerhaft zu beinflussen. Sogar der Soundtrack – eine Compilation von Frith-Stücken aus diversen Alben sowie neuen, anderen Versionen und Gastbeiträgen (Bittova/Fajt kurz nach dem Aufstehen mit dem »Morning Blues«!) – war klasse und als Werkschau ziemlich repräsentativ für einen Tausendsassa wie Frith. Der hatte jedoch in der Zwischenzeit nichts besseres zu tun, als vermutlicherweise einen Vertrag mit seinem neuen Label RecRec zu erfüllen und Alben zu produzieren, deren Qualität nicht dauerhaftes Gesprächsthema ist wie bei seinen anderen, besseren Alben, die auf dem Residents-Label Ralph Records erschienen waren. »Middle Of The Moment« kommt zuallererst wie der Versuch daher, den Erfolg von damals ganz einfach 1:1 wiederzubeleben: die gleichen Filmemacher (Nicolas Humbert und Werner Penzel) mit dem gleichen Medium (16mm – s/w) nehmen den gleichen Musiker für den Soundtrack.

Aber diesmal geht der Film nicht über den Musiker Frith selbst, sondern über Formen modernen Nomadentums (traditionelle Nomaden wie die Tuareg ebenso wie der französische Wanderzirkus Cirque O) – Frith selbst wurde bereits in »Step Across The Border« als »Nomade« porträtiert. Er liefert aber, neben den Originalaufnahmen von Gesängen, Tänzen, Geräuschen und anderen »ambienten« Elementen, das musikalische Gerüst, das das ganze Projekt zusammenhält. Und: es funktioniert prächtig!

Frith nimmt sich sehr weit zurück – der Stimmung des Films entsprechend, der weitestgehend vom konventionellen Erzählkino entfernt ist – und schafft so durch den verhaltenen Einsatz von Rhythmen, oft auch nur durch Harmonien oder einzelne Töne, die Spannung zu halten über die gesamte Distanz. Entstanden ist eine Art Ambient-Platte – man muss sich allerdings fragen, warum alles, was ein bisschen auf den Kopf und weniger auf die Beine angelegt ist, immer gleich als »Ambient« bezeichnet werden muss. Die CD ist jedenfalls ohne Film genauso spannend wie der Film als solcher (mit der Musik) – beides also durchaus empfehlenswert. Allerdings nicht aus der Tradition von »Step Across The Border« heraus. Sondern aus sich selbst.

Node: »Node«

(DoLP/CD – Deviant /RTD)

Wer sich wie ich immer gewundert hat, warum immer wieder dröger Bombastkitsch à la Tangerine Dream oder Vangelis als Einfluss für die quirlige, von jedem Pathos befreite elektronische Musik der Neunziger als Vorbild genannt wird, wird mit diesem Album der Antwort ein ganzes Stück näher kommen. Node, ein Quartett, dem u.a. der U2-/Sisters Of Mercy-Produzent Flood angehört, sammeln nicht nur Analog-Synthesizer, sie verwenden sie auch, und zwar ausschließlich.

Aber sie verwenden dieses alte Equipment, um einen sich absolut auf der Höhe der Zeit präsentierenden Sound zu kreieren. In fünf Stücken, die in der Regel ihre zehn Minuten benötigen, um sich voll und ganz zu entfalten, entwerfen Node den rein elektronischen Soundtrack für die Neunziger, vielleicht für die Zukunft generell: ein Ringmodulator wird eben nie dazu taugen, Folk-Ästhetik zu bereichern oder Punk wiederzubeleben.

Stattdessen ist er Musikmaschine für Maschinenmusik – diese jedoch so voll, rund und warm, wie sie von den Zombies, die heute noch mit dem Etikett »handgmacht« hausieren gehen, schon lange nicht mehr zu hören war. Auflegen, Eintauchen, Abheben … mit Node (es empfiehlt sich, dieses Album in der Vinyl-Version anzuschaffen – wegen der zwei generell unterschiedlichen Geschwindigkeiten, mit der man die LPs abspielen kann). Als Listening-Album ebenso geeignet wie als DJ-Tool.

Organum: »Veil Of Tears« (CD) / »Desola« (MCD) / »Submission« (CD) / »AEO/Shining Star« (7″)

(Matchless/RNML / Robot/Aeroplane / Complacency / Mermaid)

Organum/Prevost: »Crux/Flayed«

(CD – Matchless/RNML)

Natürlich sind nicht alle der Releases neu: z.T. also schon älter bzw. Rereleases ganz alten Materials. Als frischeste »Crux«, eine CD-Wiederveröffentlichung der 1987er Split-LP mit Eddie Prevost (»Flayed«). David Jackman, der für die meisten seiner Aufnahmen Organum als Autoren-Vehikel benutzt (Solo oder mit wechselnden Mitmusikern), war in den 1960ern Mitglied in einem Londoner Orchester Improvisierender Muikser unter der Leitung des bei einem Autounfall ums Leben gekommenen AMM-Mitbegründers Cornelius Cardew, dem Scratch Orchestra, dessen musikalisches Erbe über die Jahre nicht nur transportiert worden ist, sondern verfeinert und ausgedehnt von eben jener Formation, die sich AMM nennt. Und nicht zuletzt durch die umfangreiche Diskografie AMMs viel besser dokumentiert ist als die raren Mitschnitte von Scratch Orchestra-Auftritten.

Eine Veröffentlichung an der Schnittstelle zwischen der Improvisierten Musik AMMs, die genreübergreifend rezipiert werden mit einem ganz klaren Schwerpunkt auf Freunden Improvisierter Musik (von Coleman über Brötzmann oder Taylor zu Zorn meinetwegen) oder zeitgenössischer Avantgarde (Cage, Feldman, aber auch musique concrète, das WDR-Studio im Köln der 1950er Jahre oder Elektroakustik allgemein), und den Klangcollagen Jackmans, die sich ebenfalls ähnlichen Produktionsbedingungen verdanken, aber – nicht zuletzt durch die markante Ikonografie seiner Coverabbildungen – in viel größerem Maße von einer Hörerschaft aufgenommen werden, der auch die Inhalt/Form-Verknüpfungen von Gruppen wie Hafler Trio, Nurse With Wound oder :Zoviet*France nicht fremd sind.

Musik wird bei Jackman zu Geräusch – das unterscheidet ihn von fast allen derzeit angesagten Klangbastlern wie etwa Aphex Twin, genauso wie es ihn schon vor Jahren von Bands wie den frühen Einstürzenden Neubauten oder Test Dept. unterschied. Und seine jahrzehntelange Erfahrung zeigt, wie weit er einer Gruppe wie Seefeel voraus ist (was nicht gegen Seefeel spricht – eines der wenigen Projekte, das diese Richtung überhaupt einschlägt).

So wie »Crux« bildet auch die letzte albumfüllende Studioproduktion »Veil Of Tears« eine Schnittstelle – sie enthält einen 1994er Remix von Jim O’Rourke (von Illusion of Safety über Soloprojekte bis hin zu Gastr Del Soul) und Robert Hampson (Loop, Main), die beide zusammen als Indicate ebenfalls einen Longplayer ins Rennen geschickt haben(»Whelm« auf dem ehrwürdigen Londoner Label Touch). Auf »Veil Of Tears« befinden sich knappe 60 Minuten Klangmaterial, das teilweise enorm verdichtet, immer aber intensiv ist – da stellt sich gar keine Frage nach Melodien oder Rhythmen, und sogar das harmonische Problem scheint hier gar nicht aufzutreten: dennoch verrät der Lärm immer wieder Teile seiner Herkunft aus so »klassischen« Instrumenten wie Violine oder Flöte – doch werden deren Klänge erst im Studio zu dem, was den Organum-Sound ausmacht. Ist das die Dub-Version der Improvisierten Musik? Oder doch eher Acid? Und wer will das wissen? Man muss es sich eben auch anhören: darum geht es – das hier ist so weit ab von Hip-Faktoren, und eben auch generell deskriptiven Mitteln wie die der Rezension.

Nicht Musik-Musik, wie man sie gerne O’Rourke zuspricht (der das ebenfalls vergriffene Organum-Vinyl »Submission« auf seinem bzw. dem Illusion Of Safety-Label Complacency wiederveröffentlicht hat), sondern (Musik-als-)Geräusch-Geräusch. Räusper.

V.A.: »Dem Rhythmus sein Brudern«

(CD – Trikont/Indigo)

Der Spaß geht zurück auf Liesl Karlstadt und Karl Valentin: In »Orchesterprobe« (1933) fragt sie ihn, ob er denn keinen Rhythmus kenne, worauf er meint, er kenne nur dem sein Brudern. »Radio Zündfunk«, das letzte Radio-Zufluchtsprogramm im südddeutschen Raum, hat anhand dieses Gags einen Wettbewerb gestartet: Die Hörer, sofern sie selber irgendwie musizieren können, sollten dem Rhythmus seinen Bruder suchen – »der« Rhythmus, um den es ging, ist der alles dominierende Viervierteltakt, und der sollte hier gerade vermieden werden.

Aus den »mehr als 120 Einsendungen« (was sind »Mehr als 120 Einsendungen«, lieber Beitextschreiber? 121? 123? 44000?) wurden 21 ausgewählt und auf CD gepresst. Um Musiker, deren Namen man schon irgendwo mal gehört hat, handelt es sich da nicht, wohl aber um die vielfältigsten Bemühungen, dem dominierenden Rhythmus zu entkommen, von dem das Beiheft glaubt, er trage »fast diktatorische Züge«.

Na, ist das nicht a bisserl a Schmarrn? Im Kontext »konventionelles Radio« und allgemeiner Schnöseligkeit bezüglich Musikhören mag es ja stimmen, dass der Viervierteltakt unser Hörverhalten bestimmt, doch die vielfachen Zweige »anderer« Musik, die ihn längst hinter sich gelassen haben, sind ja wohl auch nicht zu verachten: von Webern bis Stockhausen, von Captain Beefheart bis Pere Ubu, von Industrial bis Ambient – die komplette Avantgarde (zumindest im Pop) war ja nichts anderes als eine unausgeprochene Überwindung des Viervierteltaktes. Kommt da so ein Wettbewerb nicht ziemlich spät? – Gegenüber dem, was schon an Grenzüberschreitungen und Taktspielereien in der Musik der letzten dreißig Jahre vorhanden ist, klingen fast alle Einsendungen konventionell und krampfen sich ab, mit herkömmlichem Instrumentarium (meist sogar mit gewohntem Songschema), gegen einen Status quo vorzugehen, der schon weitaus radikaler (siehe oben genannte Beispiele) vor Jahren über Bord geworfen wurde. Ein Spaß ist die CD dennoch: die Stücke klingen so unverbraucht, ungewollt und von der Leber weg, wie man es selbst bei den bekannteren Opfern ihrer eigenen Experimentierfreude selten noch zu hören bekommt. Diese Welt wäre eine bessere und wahrscheinlich auch andere, wenn wir abends mit Freund(inn)en selbst so musizieren würden, statt Zerstreuung zu suchen in anonymen Unterhaltungstempeln mit Musik in übermäßiger Lautstärke – und streng im Viervierteltakt.
(Gemeinschaftsrezension zusammen mit Martin Büsser)

David Toop: »Screen Ceremonies«

(CD – Wire Editions/EFA)

Wenn einer wie Toop eine CD veröffentlicht, dann herrscht allerorts großes Aufhorchen. Als David »Rap Attack« Toop, der große Theoretiker bzw. Historiker des HipHop, ist er im Diskursland gut bekannt – als David »Deadly Weapons« Toop kennen ihn die Freunde innovativer Jazz-Grenzgängereien der 1980er Jahre. Dann ist da noch der Toop, der die Linernotes zu den ersten »New Electronica«-Compilations geschrieben hat; Toop, der zusammen mit Max Eastley eine Split-LP in Brian Enos legendärer »Obscure«-Reihe veröffentlicht hat (und einen Meilenstein der Neuen Elektronischen Musik mit dem Gemeinschaftswerk »Buried Dreams«). Toop zusammen mit Steve Beresford bei »General Strike«; Toop als Autor des englischen Wire; Toop im »Ocean of Sound« …

Es gibt beim Würfeln einen Ausdruck, der in etwa »das Pferdchen springt nicht höher, als es muss« heißt – um beispielsweise eine Drei zu überbieten, reicht eine Vier. Toop, der auf dieser CD (aus diesem Anlass gründete der Wire übrigens ein eigenes Label) vorführt, wie mit Sounds 1996 zu verfahren sei, springt nicht höher als nötig. Geschmackssicher bewegter sich zwischen Ambient, Dub, Field Recordings und seiner eigenen Auffassung von Pop. Man kann sich der CD mit aller Konzentration widmen und wird trotzdem immer wieder neue klangliche Finessen entdecken – oder man lässt sie nebenher laufen, verwendet sie als »Muzak« im besten Sinne des Wortes: Als akustische Stimulanz, die unaufdringlich im Hintergrund präsent ist. Titelnamen wie »Dream Fluid«, »The Darkened Room« oder »I Hear Voices« deuten an, dass hier Musik zu finden ist, die nicht agitieren will – was nicht unbedingt gegen diese Musik spricht. Was allerdings etwas enttäuschend ist, ist die Tatsache, dass Toop lediglich zur Zeit allgegenwärtige Standards erfüllt, mit dieser Platte jedoch keine neuen Standards zu setzen weiß. Brian Enos »Nerve Net« hat mir da eigentlich besser gefallen, weil dieses Album zum Zeitpunkt seines Erscheinens weiter vorne war, als es Toop jetzt ist. Natürlich heißt das nicht, dass dieses Vornedran-Sein das Kriterium wäre – aber von einem Musiker, der nicht nur aus seinem praktischen, sondern auch aus seinem theoretischen Werk heraus ganz andere Maßstäbe zu setzen weiß, hätte man etwas mehr erwarten dürfen als nur eine der schönsten Platten für 1996.

John Wall: »Alterstill«

(CD – UtterPsalm/RNML)

Sampling hat, wie Improvisation, Jazz, Elektronische Musik und andere Genres immer auch eine lokale Färbunng. London als Melting Pot vielschichtiger kultureller Einflüsse einerseits, als eine der ältesten und konstantesten Metropolen Europas andererseits hat über die Jahrzehnte hinweg immer wieder Neuerer, Stars und Scharlatane gleichermaßen in das Rampenlicht des Musikbusiness gestoßen. Andererseits brodelt ebenso lange schon ein weitaus größerer kreativer Sud in derselben Stadt, und wenn auch ab und an eine größere Blase zerplatzt oder einzelne Bestandteile dieses Suds an die Oberfläche kommen – was da alles schlummert, kann man nur erahnen. John Wall reflektiert diesen Zustand seiner Stadt in seinem Werk: »Fear Of Gravity«, der überragende Erstling, war ein Samplingfeuerwerk, das sich entfernt an Pop als Stilistik anlehnte – aber was heißt schon Pop, wenn der Rhythmus von This Heat gesamplet worden ist?

»Alterstill« ist mit seiner edlen schwarzen Buchverpackung und dem Prägedruck in Leinen das scheinbare Gegenstück: Wall widmet weniger Stücken mehr Zeit, und wo ich beim flüchtigen ersten Hören noch plakativen Zierrat wähnte in scheinbar in Richtung Bombast driftenden Stücken, erstaunt mich beim ereuten, intensiveren Hören die Dichte, die dieser Mann aus Versatzstücken von Carcass, Ray Cooder, Anthony Braxton, John Zorn, David Toop, Hans Reichel, Einstürzende Neubauten, Kenny Wheeler, Thelonious Monk oder Oliver Messiaen zu Musik umformt. Natürlich werden hier alle Diskurse über Autorenschaft obsolet, ebenso wie sich Diskussionen über erlerntes oder praktiziertes Musikhandwerk erübrigen: »Alterstill« fordert Zuhören, kein Debattieren.


Ursprünglich erschienen in
R. Behrens / M. Büsser / J. Ullmaier / J. Kleinhenz (Hg.):
testcard #2 – Inland
Ventil Verlag, Mainz 1996, 302 Seiten, ISBN 978-3-931555-01-6
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