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Interview Kritik

The HAFLERisation continues…

Lesedauer ca. 10 Minuten
Der zweite Teil meiner Hafler Trio-Exegese, diesmal mit einem langen Interview – zwar habe ich leider die Originalfragen nicht mehr zur Hand, aber die Antworten sind im (engl.) Original erhalten …

Erschienen 1994 in Bad Alchemy #24.

Das letzte BAD ALCHEMY (#23) enthielt einen kleinen Text zum HAFLER TRIO, ein Euphorium – wenn ich das mal so nennen darf. ANDREW MCKENZIE, dem ich im Anschluss einige Fragen stellte, beantwortete diese spät, aber nicht zu spät, um der Kontinuität Genüge zu tun und den begonnenen Diskurs nicht abbrechen zu lassen.
Hier nun der zweite Teil – Fragen, Fragen, Fragen … im nächsten BAD ALCHEMY gehts weiter.

Nachdem ich den Artikel im BAD ALCHEMY fertiggestellt hatte, und vor allem nachdem ich die Diskographie (immer noch unvollständig, wie ich der von MCKENZIE seinem Brief an mich beigefügten Diskographie entnehmen kann – aber immerhin nahezu vollständig) zusammengetragen hatte, war ich selbst erstaunt, welch ungeheure Menge an Tonträgern vom HAFLER TRIO eigentlich kursieren bzw. im Laufe der letzten zehn Jahre in Umlauf gebracht worden sind. Immer nebensächlicher wird dabei in meinen Augen (Ohren) die Tatsache, dass es sich hier um Tonträger handelt. MCKENZIE selbst scheint dieser Tatsache keinerlei Bedeutung beizumessen. Wer seine Ideen, Weltsicht, Gefühle mitteilen will, dem stehen heute vielerlei Möglichkeiten zur Wahl: Platten veröffentlichen, Bücher schreiben, Filme machen, Künstler werden oder Prediger oder etwas anderes. MCKENZIE hat sich vor einiger Zeit entschlossen, Platten zu veröffentlichen, dazu einige Essays (in den Booklets/Inlays bzw. in einigen wenigen Büchern); die Platten allerdings bewegen sich weder im Bereich der E-Musik, noch in dem der U-Musik. Dennoch sind auch diese Platten Teil eines Marktes, und dieser Situation muss sich auch MCKENZIE stellen. Was interessiert ihn am Veröffentlichen von Tonträgern, was interessiert ihn am Tonträgermarkt: die Möglichkeiten der Manipulation? Die Austauschbarkeit von Lüge und Wahrheit, das Nebeneinander von Information und (bewusster) Fehlinformation? Was sonst?

»I must correct one basic assumption (mistaken) that you make in asking this question; I never decided to release records or texts. Although I am loathe to tell you about every single release, the first record, for instance, was originally a radio broadcast. Others have been theatre pieces, accompaniments for installations, and private ritual workings. All the texts I ever wrote were commissioned: I do not write for my own pleasure. The only reason I am writing these words, for example, is because I know that they will be published or adapted for publication. I have worked within the record business in a number of capacities, and I must tell you that there is virtually nothing that interests me about it. I am at present working on ways to completely eradicate this element from my life. I have played with some of the operational facets of this modus operandi, but this has ceased to interest or engage me for sometime.«

Andrew McKenzie (The Hafler Trio)

Soweit MCKENZIE. Aber warum dann nicht etwas anderes tun. Filmemachen?

»There are a few films made by me in collaboration with other people, notably one which was shown on Channel 4 Television in the U.K. some years ago, but I have not explored this particular avenue as much as I would like due to the prohibitive cost of such work.«

Andrew McKenzie (The Hafler Trio)

Es gab ja auch andere Projekte, bei denen MCKENZIE das HAFLER TRIO außen vor ließ: Ein Trioprojekt mit DORO FRANCK und Z’EV – MOTHER TONGUE: OPEN IN OBSCURITY (tolle Platte übrigens!) – und PROTECTION, ein Soloprojekt.

»PROTECTION was simply some of my earliest experiments with tape recorders, although the artwork failed to mention this rather important fact. As for other things, well, we’ll see?«

Andrew McKenzie (The Hafler Trio)

Zurück zum Trio: Die letzten HAFLER TRIO-Veröffentlichungen enthalten neben MCKENZIE auch so klangvolle Namen wie ZBIGNIEW KARKOWSKI oder JOHN DUNCAN. Auf der anderen Seite scheint das Original-Trio der ersten LP (BANG! – AN OPEN LETTER), CHRISTOPHER R. WATSON und EDWARD MOOLENBEEK im Verbund mit MCKENZIE, schon längst nicht mehr existent.
Wird/wurde THE HAFLER TRIO zu einer Form, die verschiedene Mitglieder, verschiedene Inhalte transportiert?

»To be sure there have been many changes. MOOLENBEEK died at the age of 82 some seven years ago. C.R.WATSON works as a freelance sound-recordist, still living in the north of England. I have had no involvement with Mr. DUNCAN or Mr. KARKOWSKI for quite some time, nor do I wish to. In any case, my collaborations with both these individuals were minimal. There have been many people associated with the name of THE HAFLER TRIO over the years, and I don’t doubt there will be many more to come.

Andrew McKenzie (The Hafler Trio)

Die Veränderungen, von denen MCKENZIE spricht, sind ja durchaus auch auf den Platten zu hören: BANG! – AN OPEN LETTER hört sich an wie ein Gesellenstück zum Thema Cut-up-Technik (also gut: Meisterstück!), FUCK klingt in seiner elementaren/reduzierten elektronischen Rhythmik fast wie CLOCK DVA (mit ADI NEWTON hat MCKENZIE ja auch schon zusammengearbeitet), DISLOCATION klingt üppig und narrativ, während MASTERY OF MONEY die große Kunst der Reduktion vorführt. In der letzten Zeit findet – meiner Meinung nach – eine Annäherung, zumindest was die hörbaren Ergebnisse angeht, an die Elektroakustische Musik [statt], wie sie von solchen Labels wie INA/GRM oder EMPREINTES DIGITALES veröffentlicht wird.

Erm… I had never heard of INA/GRM or EMPREINTES DIGITALES until I received your letter. Therefore, I can honestly say that there is little chance of them having influenced me. I listen to virtually no music at all, and the only works i do hear are generally by friends or aquaintances of mine who send me their material as i send them mine. Most of the »electro-acoustic« music I have heard has made little or no impression on me at all. Any change of approach will necessarily spring from changes in me, and I am not convinced that anything other than superficial elements of personality within a person can in fact be changed, although, as they say, the jury is still out on that one.

Andrew McKenzie (The Hafler Trio)

Ok, MCKENZIE pflegt wie alle großen, produktiven musikalischen Geister dieses Jahrhunderts den Prozess des Schaffens ungleich mehr als den Prozess des Konsumierens von Tonträgern (vgl. JOHN CAGE, der – laut eigener Aussage – keine einzige Schallplatte besessen hat; vgl. aber auch JOHN ZORN, der wahrscheinlich eine gute fünfstellige Anzahl an LPs besitzt …). Von Elektroakustischer Musik hat er noch nichts gehört, und wenn, dann nichts gutes. Glauben wir ihm, dass er INA/GRM nicht kennt, ein Label, das in diesem Magazin (vgl. die Ausgaben #11–13) zu Recht ausführlich gewürdigt worden ist. Aber würden wir ihm glauben, dass die FUCK-CD nicht mit Pop liebäugelt? Sie hat viel von dem, was die momentanen Techno-/Trance-Veröffentlichungen auch haben …

My first projects were »Pop« music. I really don’t see how you regard FUCK as touching this genre. But again, this is really your business.

Andrew McKenzie (The Hafler Trio)

Unzufriedenheit: GOLFISH/MINDLOSS passt doch bei weitem besser in die momentane Dance-Welle, als dass es in den Katalog des H3O gehören würde (Weißcover, Weißlabel, keine Texte: typisches gesichtsloses DJ-Produkt). Und es fehlen die – meiner Meinung nach sehr wichtigen – Texte/Statements, die die Vorgängeralben begleitet haben.

The H3ÖH project was HILMAR ÖRN HILMARSSON and I in the studio where he was trying to finish off parts of what became the FROSTBITE: THE SECOND COMING album – I was just visiting and keeping him company throughout the tedium that surrounds such projects sometimes. We just got playing around with the pieces and ended up with what turned up. No prior motivation. I really don’t know which »radical« statements you might be referring to.

Andrew McKenzie (The Hafler Trio)

MCKENZIES Antwort hatte ich in den letzten Monaten voller Ungeduld erwartet – würde er überhaupt antworten? Jemand, der so viel Begleittexte zu seinen eigenen Veröffentlichungen geschrieben hat, dass sie mühelos ein mitteldickes Taschenbuch füllen (PLUCKING FEATHERS FROM A BALD FROG), so jemand müsste doch eine Menge mitzuteilen haben und mich mit seinen Antworten nicht immer nur auf den Stand bringen, auf dem ich war, bevor ich die Fragen gestellt habe:

The topics I really want to discuss are presented on the releases, but as yet, no one has really seen them for what they are. This, too, is not really so important.

Andrew McKenzie (The Hafler Trio)

Ich hatte ihm unter anderem geschrieben, dass viele seiner Texte wie alte Sprichworte anmuten, deren tieferer Sinn sich nur manchmal dem Nicht-Engländer durch die Übersetzung erschließt. Vieles bleibt jedoch mysteriös, vage (obwohl ich, entgegen meinem früheren Insistieren auf Klarheiten, diese Unverbindlichkeit immer mehr zu schätzen lerne …). Die Spekulationen, die allerorten über MCKENZIE / THE HAFLER TRIO verbreitet werden, teils Gerüchte, die sich als wahr erweisen, teils wildeste Schauergeschichten, Phantasmen, Unwahrheiten, zeigen doch ganz klar zwei Punkte: Erstens – das Interesse am HAFLER TRIO besteht, auf jeden Fall, und zweitens – die Unklarheiten müssen nicht per se böswillig sein, sondern können durchaus auf Fehlinformationen beruhen. Dem könnte man doch entgegenarbeiten, mit einem Newsletter?

If someone else has the time, energy and inclination to start a HAFLER TRIO newsletter, good luck to them. I certainly haven’t any of those three things. I could see it being an interesting idea, though, full of lies, contradictions and articles about things that have absolutely nothing at all to do with me.

Andrew McKenzie (The Hafler Trio)

Lügen, Widersprüche – THE HAFLER TRIO starteten in der Zeit nach New Wave, wo ein Teil der Platten plötzlich nicht mehr unbedingt in Schubladen einzuordnen ist, weder Fisch noch Fleisch ist. Ich glaubte, dass sich dabei ein bestimmter Typus von Konsument (also Käufer dieser Platten) herausgebildet hatte, der auf diese Schubladen auch nicht mehr angewiesen sei. Der sich aus allen Bereichen die Perlen herauspickt, generell aber nach der Maxime konsumiert, nicht den Trends, sondern den qualitativ herausragendsten Produkten hinterherzujagen, egal ob E- oder U-Musik oder irgendetwas dazwischen. Plötzlich, in den 1990er Jahren, schießen sich jedoch alle wieder auf dieses gräßliche Rockding ein, die Vielfalt der Tonträgerkultur, wie sie meinetwegen noch Mitte der 1980er Jahre vorgeherrscht hatte, ist dem erneuten, unausweichlichen Modediktat gewichen, »Trends« sind präsenter als je zuvor. Wie sieht MCKENZIE die Entwicklung der letzten zehn Jahre?

I am by no means old, but I am considerably older and more experienced today than when I first started tinkering with broken tape-recorders. I have seen most things come up and die down, and I really see no sense in complaining or comparing any situation with any other. I am, for the most part, blissfully unaware of what is going on in the world as far as popular culture is concemed, and to be quite honest, this does not bother me in the slightest.
If I reflect on what to me was crucial and exciting at the age of 20, I can see that it was not what I thought it was at all. And this is healthy. But I had to have time and distance to be able to appreciate that. And as I said before, I worked within the record industry for some time: I was never under the illusion that a customer such as you describe could possibly exist – I saw far too many of them at close quarters to believe otherwise.
Again, I don’t think it really matters.
Water finds its own level. And who am I to criticise?

Andrew McKenzie (The Hafler Trio)

Ursprünglich erschienen in Bad Alchemy #24, 1994.
Bad Alchemy Website …

Cover Bad Alchemy #24 (Rück- und Vorderseite)

Anm.: Die Rechtschreibung (und Groß-/Kleinschreibung) wurde minimal angepasst, und die Abbildung im Original (siehe Artikelbild oben) wurden im Ausschnitt eingesetzt wie die Collage (Andrew McKenzie plus mein erstes eigenes Tonbandgerät) von der Cover-Rückseite.