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CD Kritik Schallplatte

KLEINHOLZ (2)

Lesedauer ca. 7 Minuten
Soweit ich sehen kann, ist dies meine erste Kolumne, publiziert in Bad Alchemy. Hier Folge 2 von 2 – diesmal ein Haufen Tonträger …

Erschienen 1993 in Bad Alchemy #23.

Diesmal voller Tonträger, die ihren Weg zum Schreibtisch des Herausgebers nicht gefunden haben, dafür aber meine Abspielgeräte – leider immer öfter der CD-Player – blockieren.

Von LIGHTS IN A FAT CITY ist inzwischen, nach langem Warten, endlich das Nachfolgealbum zu der grandiosen »Somewhere« erschienen. »Sound Column« (EXTREME RECORDS) hat alle Rockwurzeln abgestreift (wie man sie auf »Somewhere« ja noch vereinzelt finden konnte) und widmet sich in vier langen Stücken der kollektiven Reise durch die Dimensionen des Klanges. Dieser Klang wird wiederum hauptsächlich von einem Instrument geprägt: dem Didgeridoo, inzwischen ja fast in jeder Margarinenwerbung zu hören, hier jedoch originell gespielt und vor allem als Instrument und nicht als Klangeffekt eingesetzt.

Ein etwas anderes Klangbild als beim Vorgänger mag auf den Weggang von SIMON TASSANO zurückzuführen sein: statt seiner ergänzt nun KENNETH NEWBY das Trio neben STEPHEN KENT und EDDY SAYER. Aber wer den rockigeren Stücken des Debuts nachtrauert, der kommt nicht an TRANCE MISSION (CITY OF TRIBES) vorbei. Das Debutalbum gleichen Namens wurde von KENT und NEWBY zusammen mit BETH CUSTER und JOHN LOOSE eingespielt und klingt wie das fehlende Glied zwischen den beiden LIGHTS IN A FAT CITY-Alben, veredelt noch durch die sagenhaften Klarinettenklänge CUSTERs. Sowohl »Trance Mission« als auch »Sound Column« sind auf eine ganz bestimmte, überaus sympathische Weise anachronistisch, denn während TRANCE MISSION zwar vom englischen Exporteur als Trance Dance bzw. Chill-Out-Scheibe angekündigt wurden, haben sie nichts mit dem gleichnamigen Techno-/Ambient-Projekt gemeinsam, sondern zelebrieren mit Quasi-Rock-Rhythmusfundament eher eine Weiterentwicklung des R.I.O.-Gedankens (auf dem Weg zu neuen musikalischen Ufern und weg von der Lyrics-Dominiertheit); und LIGHTS IN A FAT CITY begeben sich langsam aber sicher auf die Reise weg von der U- und hin zur E-Musik (man höre sich nur das fantastische »Aluna« an …).

Neues gibt es auch von JOHN DUNCAN: »Send« (TOUCH) ist eine schön aufgemachte Kartonbox mit CD, Poster und einem ungewöhnlich dicken Booklet. Die CD enthält Stücke aus den verschiedensten Schaffensperioden DUNCANs, darunter der Soundtrack für den Fernseh-Piratensender TVC1, den DUNCAN in Tokyo führte, und Gemeinschaftsprojekte mit ZBIGNIEW KARKOWSKI, ANDREW MCKENZIE und BRAM AANGSTROM. »Send« empfiehlt sich nicht nur für DUNCAN-, sondern auch für H3O-Fanatiker, denn im Booklet findet sich ein ellenlanges Gespräch von DUNCAN und MCKENZIE, die sich über »alles, was Sie schon immer über JOHN DUNCAN und ANDREW MCKENZIE wissen wollten« unterhalten, u.a. Nekrophilie, Muzak, Selbst- und Fremdbestimmung, John Lillys Tankexperimente (vgl. KEN RUSSELLs »Altered States«) etc.
Mag der eine oder andere zu Recht das Interesse an der (u.a. musikalischen) Aufarbeitung solcher Extreme verloren haben: hier reden zwei Macher, keine Poser!

Überhaupt nicht nach Pose klingt auch das Debut von COOKBOOK, aber was heißt das schon: »Die Reise« (Z.O.O. MEDIA) beginnt zwar relativ dröge, hebt schon nach wenigen Minuten völlig ab und gibt dem Hörer als rhythmisches Grundgerüst nur ein tiefes Pulsieren (Herzschlag), um sich immer wieder in eine Art elektronische Kakophonie aufzuschwingen. Konzipiert wurde das Ganze übrigens schon 1987 als Theatermusik, das Licht der Welt (bzw. des Lasers) erblickt die CD erst jetzt.

Noch obskurer, obwohl immerhin bei einem der größeren »Independent«-Vertriebe zu haben: »Steady State Music« (IMBALANCE) von WIELAND SAMOLAK, wo mir zu Begriffen wie Monotonie, Repetition, Fläche und Sound einfach nicht die passenden Attribute einfallen. Die Sounds sind so statisch, dass der Begriff »radikal« hier vielleicht zum ersten mal wirklich greift. Angeblich soll diese CD für den Chill-Out tauglich sein: worauf haben die Jungs und Mädels da vorher bloß getanzt?

Weit tauglicher scheint mir da das zu sein, was CABARET VOLTAIREs RICHARD KIRK derzeit unter dem Namen SANDOZ unter das Volk bringt: »Digital Lifeforms« und das Vinyl »Dark Continent« (beide TOUCH) gehören momentan zum besten, was an Alben im Bereich Techno/Trance/House zu haben ist (dabei enthält die CD »Lifeforms« drei Maxis, ist also gar kein Album). Wer seine Musikgeschichte (vor allem U-Musik) intus hat, der weiß, dass hier eine Hörerschaft überwiegt, für die JOY DIVISION, THROBBING GRISTLE, CABARET VOLTAIRE, DOME u.a. Perlen der »New Wave« Schnee von Gestern und ENO, CLUSTER, TANGERINE DREAM oder KRAFTWERK (und zwar die ganz alten Scheiben!) Schnee von Vor-Gestern sind (falls überhaupt bekannt).
Mir bereitet der Gedanke, dass KIRK seit über 20 Jahren musikalisch aktiv ist und heute eigentlich nichts anderes als damals macht (nur mit neuerem Equipment und vielleicht mit einer veränderten Grundeinstellung), in Anbetracht der Tatsache, dass er das, was er macht, besser als die meisten seiner derzeitigen Konkurrenten macht, diebische Freude (v.a. weil hier einer der Vorreiter der Techno-Bewegung, die ja immer wieder beteuerte, keine Vorreiter zu haben, den Jungs zeigt, was eine Harke bzw. ein Sinuston ist …).

Techno, Trance und House stellen, natürlich immer mit der Priorität des Beat, eine Form von »Domestizierung« jener Klänge dar, die schon RUSSOLO fasziniert haben – Klänge, die nicht »schön« oder »harmonisch« im herkömmlichen (musikwissenschaftlichen) Sinne sind, sondern sich in ihrer Schönheit selbst genügen, ihre eigenen Harmonien bilden.
Mag sich das Genre – und zu einem Genre lassen sich diese 3 Subgenres zusammenfassen – seine Grenzen selbst stecken durch den zwingenden Beat oder die ewig wiederkehrenden Themen: die große Kunst besteht in der Reduktion der Gestaltungsmittel und in der Variation von … nichts. Anders in der Elektroakustik: hier bleibt wesentliches Merkmal die unermüdliche Suche nach neuen Ausdrucksformen, die Klangforschung – nie mit dem Impetus des neuen, schnellebigen Gags (zu der »Geräusch« in der U-Musik doch immer mehr verkommt). Immer wieder überraschen neue Sounds, neue Kombinationen von Sounds, neue Variationen von Kombinationen von Sounds, neue Reihungen von Variationen von Kombinationen von Sounds, neue … falsch: das Gewicht liegt nicht auf neu, sondern auf Sound. Der Mensch hört mehr, als er hört. Klangempfinden kann nie ein mathematischer Wert sein, sondern eine körperliche Erfahrung – was mir nirgends deutlicher geworden ist als beim 1992er SBOTHI-Konzert in Nancy, wo es eine Stelle im Saal gab, an der das Hören Schmerz bedeutete (und Schmerz kann man nicht hören: man muss ihn schon fühlen!).

»Electro Acoustic Music 1« (NEUMA RECORDS) ist so eine Zusammenstellung voller klanglicher Seltsamheiten wie z. B. PAUL LANSKYs »Notjustmoreidlechatter«, einer Überlagerung von Stimm- und Gesangsfetzen. Mehr sage ich dazu nicht, denn Zusammenstellungen sind die beste Gelegenheit, sich über Musiker, Szenen, Genres o.ä. einen relativ umfassenden, in diesem Falle auch musialisch reizvollen überblick zu verschaffen anhand der Werke von LANSKY, JEAN-CLAUDE RISSET (alter INA/GRM-Recke), CHARLES DODGE, RICHARD BOULANGER, DANIEL WARNER und KAIJA SAARIAHO.

Wer gerne bekanntere Namen im CD-Booklet lesen möchte, der greife zu »Ai Confini/Interzone« (NEWTONE RECORDS), wo bisher unveröffentlichte bzw. rare Aufnahmen von JON HASSELL, STEVE REICH, PETER GORDON, WIM MERTENS, MICHAEL NYMAN u.a. zu hören sind. Diese Zusammenstellung mit besagten Stücken von Musikern, die beim »Ai Confini Della Musica«-Festival in Venedig in den vergangenen Jahren aufgetreten sind, entbehrt übrigens nicht eines gewissen Charmes (wie er den in vieler Beziehung ungewöhnlichen Zusammenstellungen des belgischen CREPUSCULE-Labels zu eigen war), denn obwohl die Beiträge sich alle mehr oder weniger »zeitgenössisch« betiteln lassen, muss ich bei DURUTTI COLUMNs »Megamix« doch stutzen …


Ursprünglich erschienen in Bad Alchemy #23, 1993.
Bad Alchemy Website …

Cover Bad Alchemy #23 (Rück- und Vorderseite)

Anm.: Die Rechtschreibung wurde minimal angepasst und der Text besser (also: überhaupt) gegliedert. Die Abbildungen (siehe Artikelbild oben) waren beliebiges Illustrationsmaterial und entfallen hier – dafür gibt es Abbildungen der besprochenen Veröffentlichungen, die zu den jeweiligen Einträgen bei Discogs verlinkt sind.