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Event Konzert Kritik

Futur Intèrieur 1

Lesedauer ca. 7 Minuten
Mein erster Besuch beim (zugleich ersten) Festival »Futur Interieur« in Nancy, Frankreich, 1992 – ein ausführlicher Bericht. Für einen Abend (und drei Acts) von Würzburg nach Nancy fahren – heute kaum mehr nachzuvollziehen …

Erschienen 1992 in Bad Alchemy #20.

Am 13. März 1992 bescherten L’ENCYCLOPEDIE DES TENEBRES ihrer Mitwelt ein Festival experimenteller Musik, welches nicht nur ein Genuss für Ohr und Auge war, sondern so gut wie keine Aktivität im Bereich »INDUSTRIAL«/Experimentelle Musik sonst auch belegt, dass dieses Genre noch lange nicht auf dem letzten Loch pfeift; im Gegenteil: mit HNAS, SBOTHI und ETANT DONNÉS traten an besagtem Freitag drei Top-Acts der europäischen Geräusch-Szene auf. Vorneweg bemerkt: sowohl Organisation als auch Präsentation (insbesondere das Equipment) lagen so weit über dem Standard herkömmlicher »Indie«-Festivals, dass den Machern (und den Musikern) höchste Professionalität zugesprochen werden darf – ein Charakteristikum, welches gerade in diesem Sektor wohl die absolute Ausnahme darstellen dürfte!

Einlass war gegen 20.30 Uhr; der SALLE DES FETES (wo auch das jährliche NANCY-Festival stattfindet) wirkte anfangs besorgniserregend leer, außer der Installation von ACHIM WOLLSCHEID (= SBOTHI) und zwei Fernsehern nebst Videorecorder irrten nur einige wenige Besucher umher, die Bühne war durch den Vorhang verdeckt – nur aus den Lautsprechern klangen Geräusche. Dann – nach einer ganzen Weile – laufen als erstes Videos von ETANT DONNÉS im hinteren Saalteil. Wer ihre beiden neueren CDs auf TOUCH (»Aurore«, »Royaume«) kennt, hat hier erstmals Gelegenheit, den optischen Aspekt dieser relativ ruhig ausgefallenen Werke kennenzulernen: Naturaufnahmen von phantastischer (technischer) Simplizität, Übereinanderprojektionen, Makroaufnahmen, Überbelichtungen, und dazwischen immer wieder die Motive Sonne, Wasser, Pflanze und Mensch – ETANT DONNÉS zelebrieren in ihren Filmen ein völlig anderes Lebensgefühl als das, was manche (bzw. doch die meisten) ihrer Kollegen dem Hörer/Konsumenten bis zum Erbrechen vorsetzen: Zerstörung, Tod, Schrott, Hässlichkeit.

Weiter gehts: nachdem die Videos ausgeschaltet wurden, sah der Saal doch ziemlich gefüllt aus. Damit niemand nachzählen konnte, wieviel Menschen nun eigentlich so viel guten Geschmack haben, wurden ganz schnell die Lichter ausgeschaltet, und gar seltsame Töne erklangen hinter dem Vorhang: jaa, die HIRSCHE fangen an! Das erste Konzert bestreiten sie über die kommenden 60 Minuten bei Kerzenschein (Abb. 1: Schwarze Hirsche auf schwarzem Grund): ihre Musik möchte und kann ich nicht in Worte fassen, FAKE-FOLKNOISEBLUES der ganz, ganz besonderen Art.
Keine Sekunde lang erwecken die HIRSCHE den Eindruck zwar ideenreicher, doch auf der Bühne nur ungelenk agierender Dilettanten, deren Schlachtfeld »Homerecording« heißt und die live zum kläglichen Scheitern verurteilt wären, im Gegenteil: souverän bestreiten sie ihr allererstes (!) Konzert mit einem so ausgeprägten Gefühl für Strukturen und Stimmungen, wie man es selbst bei erfahrenen Bühnenmusikern (leider) oft vermisst. Grandios, wirklich grandios! (Ich sage das alles mit Verweis auf die Tatsache, dass mir Tonträger der HIRSCHE eigentlich nie sonderlich gefallen haben.)

Und wieder zurück zu ETANT DONNÉS, Video Teil 2: Während sich die meisten wieder den Bildschirmen zuwenden (Abb.7), haben einige von diesen Festivalbeiträgen bereits genug und schnüffeln im Foyer am Info-/Plattenstand von EDT herum. Derweil werden die Stühle im Saal weggeräumt, das Feld für SBOTHI bereitet …

… und bald schon erfährt der Neugierige, was es nun eigentlich mit den seltsamen Teilen auf sich hat, die im Saal in zwei Reihen à vier Ständer aufgebaut sind: schon im Ruhezustand beeindruckend (Abb.4), beginnen sie, sich zu drehen, und bald schon ist der Saal erfüllt mit einer seltsamen Klanglandschaft. Und das geht so: Hochtöner auf Metallständern schicken hohe Töne durch Röhren, die sich drehen; dazu diverse ergänzende Geräusche aus der PA – fertig. Das mag spöttisch klingen, aber: mir hat die Installation sehr gut gefallen, das Wandeln inmitten der rotierenden Hochtöner wird zu einem eher physischen Erlebnis, die Schwelle zwischen Hören und Schmerzempfindung ist leicht überschritten; kein Vergleich – wie auch schon bei den HIRSCHEN – zwischen Live-Erlebnis und Tonträgern: SBOTHI-Platten (v.a. »And« und »Last«) wirken dogmatisch auf mich (und das in völliger Abwesenheit erläuternder Texte), doch diese Installation ist real, fühlbar, verständlich.

Abb.3: die Menge im Klangbad; Abb.5: der »Rüdiger Nehberg der elektronischen Musik« (laut Sanne) an seinem Arbeitsplatz.

Puh, SBOTHI hat doch ganz schön angestrengt! Nach dem Ende der Installation treibt es die meisten nach draußen, ins Foyer. Eine Art Aufbruchstimmung macht sich breit – und das, obwohl von den zwei HURTARDO-Brüdern (= ETANT DONNÉS) noch nicht viel mehr als besagte zwei Bildschirme zu sehen war. »Is it over yet?« frage ich einen durch die Halle huschenden Veranstalter: »Oh no! It’s just starting!!« versichert mir dieser. Also wieder zurück; wieder Video …

… und dann Glockenläuten, so laut, so klar, dass man meinen könnte, wir alle wären nicht im SALLE DES FETES, sondern im Glockenturm von NOTRE DAME – doch nein: wir sind direkt in der Kirche! Schwere Orgel kündigt das kommende an: ETANT DONNÉS LIVE! Vor zugezogenem Vorhang stehen sie links und rechts auf der Bühne, zwei Faune mit um die Körper geschlungenen Seilen, darin Rebzweige steckend, ansonsten nackt (Abb.8). Während der Sound nun die Form annimmt, die man von früheren Tonträgern her kennt, bewegen sich die beiden langsam aufeinander zu, graziös wie Balletttänzer und doch stark und bedrohlich in ihrer Nacktheit, verschlingen ihre Arme ineinander, schreien sich zu, küssen sich (bzw. führen dem jeweils anderen die Zunge in den Mund) – ein Spektakel sondergleichen, Performance jenseits sittlicher Konventionen, aber nicht etwa auf »schnöde« Schockeffekte angelegt, sondern Ausdruck einer POWER, wie ich sie noch nicht auf der Bühne (oder sonstwo) gesehen habe …

… und mag der erste Teil der Vorstellung noch eine weitere Form der Naturverherrlichung gewesen sein (zwischen den beiden Auftritten von E.D konnte man Trauben, die beide am Körper trugen bzw. sich um die Ohren schlugen, kosten) so wie sie auch in den Filmen sich darstellt: im zweiten Teil, der auf der Bühne in einer »richtigen« Kulisse stattfand (Abb. 6), gab es ENERGIE PUR. Nicht länger behindert durch Seile und andere Applikationen zeigen nich ETANT DONNÉS nun völlig nackt, der Sound ist noch härter, und die Beleuchtung, welche in Teil 1 noch dazu da war, um die Brüder sichtbar werden zu lassen, wird nun zum Werkzeug, mit dem das Publikum geblendet wird. Und so schlägt der eine Bruder auf den anderen ein, immer wieder »Je T’Aime! Je T’Aime!« schreiend – obwohl stilisiert, wirkt die Aggression der beiden in keinem Moment gekünstelt, gespielt oder gar lächerlich.
Im Gegenteil: die Vorstellung der beiden wirkt so unbelastet von all dem zivilisatorischen Kram wie Moral, Scham, Angst – nichts ist zu spüren von der dekadenten Laschheit, mit der die Moderne sich selbst zelebriert, das vermeintlich Skandalöse, Obszöne dieser Performance ist nicht herbeigekünstelt: es existiert nicht! Und doch liegt in dem Zungenkuss der Brüder mehr, viel mehr Härte und Wahrheit als in den Photos eines JEFF KOONS (zusammen mit CICCOLINA STALLER, um ein Beispiel zu nennen), die nichts weiter als kalkulierten Skandal darstellen, auf den die besonders Dummen prompt hereinfallen.

ETANT DONNÉS zelebrieren die Natur, die Schöpfung schlechthin – wobei in ihrer Performance der Mensch das destruktive Element ist, »fast wie im richtigen Leben« – wobei es sich hier um mehr handelt als um ein Beet voller Blumen oder einen Beutel voller Sojasprossen, nämlich:
ENERGIE UND CHAOS!

(Wo sind die Festivalmacher, die FUTUR INTERIEUR auch in Deutschland veranstalten? Das wäre nicht nur wünschenswert, sondern ABSOLUT NOTWENDIG. Verstanden?)


Ursprünglich erschienen in Bad Alchemy #20, 1992.
Bad Alchemy Website …

Cover Bad Alchemy #22 (Rück- und Vorderseite)

Anm.: Die Rechtschreibung wurde minimal angepasst, die Abbildungen kommen in der harten S/W-Ästhetik des Fanzines.