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Event Experimentalfilm Konzert Kritik

Futur Intèrieur 2

Lesedauer ca. 11 Minuten
Mein zweiter Besuch beim Festival »Futur Interieur« in Nancy, Frankreich, 1993 – natürlich wieder ein ausführlicher Bericht.

Erschienen 1993 in Bad Alchemy #22.

Das FUTUR INTERIEUR-Festival scheint sich in Nancy neben der/den MUSIQUE ACTION-Woche/n als weiteres Festival der unkonventionellen Klänge zu etablieren. Und in diesem, dem zweiten Jahr, in dem das Festival stattfand, konnte bereits ein Wachstum von 100% verzeichnet werden – zwei Abende lang Musik von Gruppen, Projekten und Musikern aus dem Industrialbereich (und Artverwandtes), wobei der zweite Abend in Kooperation mit eben den MUSIQUE ACTION-Veranstaltern zustande kam.

Diese Tatsache bedeutet nicht, dass man nun eine generelle qualitative Wertung anhand der beiden Abende im Vergleich vornehmen könnte – es gab aber erhebliche Unterschiede, nicht zuletzt bedingt durch die verschiedenen Örtlichkeiten: der erste abend mit THU 20, SIGILLUM S, THOMAS KÖNER & JÜRGEN REBLE und den LEGENDARY PINK DOTS fand im »Salle des fetes«, der zweite Abend mit BEQUEEN, JIM O’ROURKE, P16 D4 und zwei (Experimental-)Filmen von KIRK TOUGAS und PAUL SHARITS im »Centre Culturel André Malraux« statt. Die beiden Räume unterscheiden sich nicht nur im Namen (tatsächlich liegen sie über- bzw. untereinander), sondern auch in ihrem Aufbau: Der »Salle« mit seiner großen Bühne und einem noch größeren Publikumsraum weckt in etwa das, was man gemeinhin als Konzertatmosphäre bezeichnen könnte; das »Centre« hingegen mit seinen bequemen Sesseln in steil aufsteigenden Rängen wirkt eher wie ein Kino bzw. Theater – man sitzt, während man im »Salle« die Möglichkeit des freien Promenierens während der Konzerte hat. Aber das sollen alles nur Nebensächlichkeiten sein, die Hauptsache waren die Konzerte/Performances selbst, und die will ich im folgenden näher beleuchten.

Sigillum S

Den Anfang machten die italienischen SIGILLUM S – wer die Geschichte der Gruppe genauer verfolgt hat, als ich es in der letzten Zeit tat, wäre weniger überrascht gewesen. Die Zeiten, in denen sie »Boudoir Philosophy« (ADN) aufgenommen haben, sind anscheinend endgültig vorbei. Dass ich jetzt ausgerechnet die Debut-LP erwähne, wo sie doch inzwischen einiges mehr an Tonträgern auf den Markt geworfen haben, hat seinen Grund nicht im »Früher war alles besser«, sondern in der Tatsache, dass sich in dieser LP wie in sonst keiner mehr gezeigt hatte, welches Potential in der Gruppe bzw. dem Duo (es sind nur noch Paolo Bandera und Eraldo Bernocchi übrig) vorhanden war. Auch »Mutilated Terrorism« (MINUS HABENS RECORDS) war phänomenal, trotz oder wegen seiner kompletten Andersartigkeit (und wegen seiner enormen Heftigkeit), aber während ich »Hallucinated Moisture Of Synaptic Slaughterhouse« (MINUS HABENS RECORDS) noch einige positive Seiten abgewinnen konnte, enttäuschte »Bardo Thos Grol« (UNCLEAN PRODUCT) schon maßlos – ich verfolgte die Veröffentlichungen der Gruppe nicht weiter, und so war dieses Live-Konzert eine gute Möglichkeit, wieder mal den Status Quo von SIGILLUM S zu sondieren; kurz: es war ernüchternd! So eine Art Industrial-Wave-Rock/-Pop, mit massig synthetischen Klängen, Elektrogitarre und (Grabes-)Gesang, in der Stimmung nicht unähnlich den fürchterlichen CURRENT 93. Das scheinbar aus vier Teilen bestehende Konzert hatte seine besten Momente noch am Anfang, wo zumindest ein Hauch von »Terrorism« ins Publikum wehte, wurde aber gegen Ende hin erstens zu lang(atmig) und zweitens zu lang(weilig) – mit einer KRAFTWERK-Coverversion wurde der Eindruck, die Band habe nichts Eigenständiges zu bieten, eher verstärkt. Und auch die Videoprojektion, die während des ganzen Konzertes lief, war nur für kurze Zeit fesselnd: Erschießungen, masturbierende Frau mit Ringen in den Schamlippen, Bomben, Muskeln, Schreie, Verzweiflung, dazu frecherweise Sequenzen aus bekannten Filmen wie Dr. Seltsam« von STANLEY KUBRICK oder »Fireworks« von KENNETH ANGER geklaut, so dass auch hier der eigene Beitrag nur in der Bedienung und Realisation billigster Videoeffekte bestand. Was übrigens dann doch auch für die Musik zutrifft, die ihre Leere wohl der blinden Technikverliebtheit verdankt: sollten frühere Qualitäten der Gruppe etwa nur auf mangelnde technische Möglichkeiten zurückzuführen sein?

Thu 20

Um Längen besser, ach was: überhaupt nicht vergleichbar waren die nachfolgenden THU 20 – ein Quartett (bzw. Quintett, hier allerdings nur zu viert) aus Holland, die nicht auf der Bühne, sondern in der Mitte des Saales saßen und, mit dem Rücken zueinander, vier sich gegenüberstehende Boxen über ihre jeweiligen Mischpulte und Effektgeräte ansteuerten. Nicht nur vom Konzept her, sondern auch vom Sound kamen Assoziationen zu den frühen Platten/Auftritten von P16 D4: harte, zerhackte Frequenzmodulationen, die zum Wandern um die Musiker und von einer Box zur anderen animierten – an keinem Fleck klang es so wie am nächsten, immer wieder verlagerte sich der stereo- bzw. quadrophonische Höreindruck: Live Electronic Music als erfahrbares Erlebnis, eher Performance bzw. Installation denn Konzert. Die Sicherheit und Routine, mit der die vier ihre Maschinchen bedienten, und der hervorragende Soundteppich, den sie kreierten, machten nicht nur den schlechten Eindruck, den die Italiener vor ihnen hinterlassen hatten, wett, sondern ließen THU 20 schon zum ersten Höhepunkt des Festivals werden. Absolute Oberklasse!!

Thomas Köner & Jürgen Reble

Ein weiterer Höhepunkt (ich will mir die Wertung »besser« oder »schlechter« sparen, im Vergleich zu THU 20 handelt es sich um ein und dieselbe Qualitatsstufe, wenn auch beide Performances grundverschieden waren) war der Auftritt von THOMAS KÖNER und JÜRGEN REBLE mit dem Titel »Alchemie«. KÖNER machte ja mit seinen beiden CDs »Teimo« und »Nunatak/Gongamur« (beide auf BAROONI) von sich reden: ruhige, eigenwillige Bearbeitungen von Gongs und Gongsounds, sehr tieffrequent, sehr dicht, entspannend und doch alles andere als langweilig/beliebig. In Nancy allerdings mit anderem Material: der Filme»macher« REBLE zeigte eine ca. zehn Meter lange Endlosfilmschleife, die zwar entwickelt, aber noch nicht fixiert war; mit diversen Chemikalien wurde der Film während der gute 40 Minuten dauernden Vorführung immer wieder bearbeitet, so dass sich die Bilder anfangs vom negativen ins positive »entwickelten«, dann verfärbten, Blasen und völlig neue Strukturen aufzeigten, die Bildinhalte immer indifferenter wurden, bis er am Schluss den Film einfach anhielt und ihn von der Projektorlampe verbrennen ließ.
KÖNER zeigte sich während der Performance als Könner am Mischpult – mittels Kontaktmikrophonen am Projektor und anderen Mikrophonen nahm er den Projektionssound auf, verfremdete ihn an Mischpult und Computer, schickte ihn über die Boxen wieder in den Saal zurück und schuf einen ungeheuer dichten Soundteppich, der sich parallel zum Film veränderte, Spannungen auf- und abbaute und sich am Schluss genau so auflöste wie der Film. Die beiden lieferten eine einzigartige, in dieser Form nicht wiederholbare Aufführung, deren Charakter stark von dem einer Live-»Improvisation« geprägt war. Schändlichst: die Unfähigkeit von Teilen des Publikums, sich auf diese Art von Darbietung einzulassen, gipfelnd in Turnübungen vor der Leinwand – ob da nicht doch wieder Perlen vor die (teilweise schwer bekifften) Säue geworfen wurden?

Das letzte (im wahrsten Sinne des Wortes) waren die LEGENDARY PINK DOTS: so legendär sie sein mögen, so langweilig kam ihr Gedudel daher – fader, uninspirierter und langweiliger, als ich sie von einem früheren Konzert in Erinnerung hatte. Bezeichnenderweise fand sich hier wieder das New Wave-Publikum in trauter Harmonie ein (waren das nicht die, die bei THU 20 und KÖNER/REBLE eher unangenehm und lautstark aufgefallen waren?) – dass keine Feuerzeuge hochgehalten wurden, wunderte mich – vielleicht habe ich diesen Moment auch nur verpasst, denn nach einer halben Stunde Statik verabschiedete ich mich gegen 2 Uhr morgens: die DOTS lieferten weiß Gott keinen Anlass dafür, den Abend bis zum (bitteren) Ende durchzustehen …

Der folgende Abend, wie eingangs erwähnt in ausgestuhltem (bzw. ausgesesseltem) Saal, verlief organisatorisch wie auch qualitativ ganz anders. Gleich vorneweg: Solche Pleiten wie LPD oder SIGILLUM S fehlten, dafür gab es eine andere Pleite, allerdings eher technischer denn musikalischer Natur. Doch alles der Reihe nach:

Den Anfang machten die »Opas« von P16 D4 – und zeigtem dem jungen Gemüse gleich und gar gewaltig, was eine Harke ist: die aus drei Teilen bestehende Performance entpuppte sich als quasi postmoderne Oper, die im ersten Teil einige Popzombies, die schon mehr (WHITE NOISE) oder weniger (DOME) rochen, Revue passieren ließ, begleitet von einer Filmprojektion mit Super 8-Aufnahmen, dazu ein bisschen Distortion/Sound Treatment – na ja …
Teil zwei schmiss dann via Videoprojektion grandiose Fußballszenen auf die Leinwand, der Sound wurde um einiges heftiger, gewaltiger, die (größtenteils) aus Fouling-Szenen bestehenden Fußballbilder gewannen plötzlich an ganz eigenartiger, absurder bzw. bedrohlicher Qualität. Teil drei schließlich war eine Dia-Show mit vier Projektoren – bunte Farbflächen, aufgelockert nur durch Bilder aus Papas Familienalbum, Schnappschüssen und 1950er/1960er Kitschmotiven (genial: die Kätzchen im Körbchen) als gnadenlos simple, aber um soviel ästhetischere Alternative zum allgegenwärtigen Videoeffekt-Einerlei, wie es gerade die Techno/Trance-Welle inflationär einsetzt – der musikalische Showdown dann als gnadenlose End-1960er-Reminiszenz, »the beat goes on« … während der Performance dann immer wieder kurz eingesprochene Sentenzen, von denen ich hier eine wiedergeben will, die den Nagel definitiv in den Arsch tritt: Life is ugly, and so are you!
Auf alle Fälle wird es Zeit, sich wieder einmal in den P16 D4-Kosmos zu vertiefen – Gelegenheit dazu werden u.a. die CD-wiederveröffentlichungen des Pariser 0DD SIZE-Labels bieten!

Beequeen

BEEQUEEN, das Duo mit dem VITAL Newsletter-Macher FRANS DE WAARD, versuchten sich redlich an einer postminimalistischen, zwischen Ambient- und Musique Concrète-Klängen pendelnden »nordeuropäischen« Musik, mussten aber nach ersichtlicher und hörbarer Unbeholfenheit vor der (anscheinend nicht so recht funktionierenden) Technik kapitulieren und verließen schon nach kurzer Zeit die Bühne mit einem »Sorry for all of this« – ausser Wertung, da merklich gute Ansätze und schlichte Unfähigkeit sich die Waage hielten – schade!

Jim O’Rourke

Den Hammer lieferte (der meine Erwartungen nicht nur nicht enttäuschende, sondern sogar übertreffende) JIM O’ROURKE, der sich – völlig zu recht – in der letzten Zeit zu einer Art Liebling der Noise- und Industrial-Szene gemausert hat. Sein Konzert an Samplern und präpariertem Klavier (!) war eine ungemein packende Klangreise durch Zeit und Raum, unbeschreiblich reich an Bildern – wie sicher er mit dem Material umging und es darbot, wurde optisch kongenial in Szene gesetzt nur durch die Beleuchtung des Flügels bzw. der Lautsprecherboxen; größtenteils jedoch in gedämpftem Licht agierend, so dass der Höreindruck durch keinerlei visuelle Ablenkung beeinträchtigt wurde, erwies sich O’ROURKE als absoluter (ich meine: absoluter!) Meister in der Schaffung, Transformation und Organisation von Sound. Diese Performance hätte auch bei jedem zeitgenössischen Musikfestival einen Höhepunkt abgegeben! Umso überraschter war ich, als ich kurze Zeit später bei einem O’ROURKE-Auftritt in Frankfurt/Main mitbekam, dass er sein Set erst am Tag der Aufführung zusammengestellt hatte! Wer immer die Möglichkeit hat, sich diesen kleinen, schüchternen Amerikaner anzusehen und anzuhören, der sollte sie nutzen: es gibt wenige Gelegenheiten, die man zeit seines Lebens nicht verpassen sollte – ein O’ROURKE-Auftritt gehört dazu!

Den Abschluss des Festivals bildeten zwei Experimentalfilme aus Nordamerika: TOUGAS’ »The Politics Of Perception« besteht aus einer ca. einminütigen Filmsequenz, die immer wieder als Kopie der vorhergehenden projeziert wird – bis von der Tonspur nur noch Rauschen und vom Film nur noch Flackern bzw. weißes Licht übrigbleibt; wenn auch nicht unbedingt leichteste Kost, so habe ich bisher selten eine bessere Umsetzung von filmisch nur schwer darstellbaren Aspekten wie Zeit oder Distanz gesehen: TOUGAS ist hier ein Lehrstück über die Beständigkeit audiovisueller Information gelungen – was bleibt, wenn eine Information über längere Zeit durch verschiedene Hände geht, wurde hier anhand einer Sequenz aus einem Film mit Charles Bronson dargestellt, die nach dreißig Minuten so verfälscht ist, dass man nichts mehr sehen und hören kann – und doch hat sich im Wesentlichen nichts geändert. Oder doch?

Paul Sharits »Epileptic Seizure Comparison«

Einen wirklich harten Brocken lieferten die Veranstalter mit SHARITS’ »Epileptic Seizure Comparison«: zwei mal drei Sequenzen à fünf Minuten (die zwei verschiedenen Patienten gewidmet sind) versuchen optisch wie akustisch, dem Zuschauer das Phänomen epileptischer Anfälle vor Augen zu führen: im ersten Teil wird farbiges Flackern (womit man bei entsprechend veranlagten Menschen epileptische Anfälle auslösen kann – seltsamerweise wurde, wie bei solchen »Flickerfilmen« üblich, dem Publikum keine Warnung ausgesprochen, oder ich habe sie nicht registriert …) akustisch von den stimmlichen Geräuschen eines epileptischen Anfalls begeleitet; im zweiten Teil wird, ebenfalls flackernd, der Patient A in einer S/W-Aufnahme gezeigt – der Sound kommt nun von den verstärkten Gehirnströmen; Teil drei legt die flackernden Farb- bzw. Patienten-Aufnahmen übereinander, ebenso laufen beide Tonspuren [gleichzeitig] ab. Das gleiche wiederholt sich im zweiten Teil des Films, diesmal mit Patient B. Selbst für Experimentalfilm-»Gewöhnte« ein schwer verdaulicher Brocken, der den Saal wirklich leerfegte, wobei einige Lacher (!?) bis zum Schluss ausharrten.

Fazit: FUTUR INTERIEUR hat sich, im Vergleich zum Vorjahr, mit Sicherheit weiterentwickelt; dass musikalische Nieten dabei waren, trübt nicht den Eindruck einer durchaus positiven Entwicklung – es gilt weiterhin mein Credo aus dem Artikel über das Vorjahresfestival (BA #20): nicht Apfelbäumchen, sondern viele kleine und große FUTUR INTERIEURS sollten gepflanzt werden! Und: Selbst Negativeindrücke wie das SIGILLUM S-Konzert oder das Scheitern von BEEQUEEN täuschen nicht darüber hinweg, dass experimentelle Klänge sehr wohl auch live zu genießen sind – und FUTUR INTERIEUR bietet dafür momentan eine, wenn nicht sogar die einzige hervorragende Plattform.

Wer sich für das Festival interessiert, oder aber für einige ausgewählte Tonträger, u.a. der grandiosen »Schizolithe«-Cassette, verpackt in einer Betonpyramide, wende sich an:
EDT
14, Rue Grandval
F-54000 Nancy
Tel.: 83 37 56 60


Ursprünglich erschienen in Bad Alchemy #22, 1993.
Bad Alchemy Website …

Cover Bad Alchemy #22 (Rück- und Vorderseite)

Anm.: Die Rechtschreibung wurde minimal angepasst, die Abbildungen kommen in der harten S/W-Ästhetik des Fanzines.