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CD Kritik Label

ANCKARSTRÖM – SÖDRA ALLEGATAN 3, S-41301 GÖTEBORG

Lesedauer ca. 7 Minuten
Ein Portrait des Anckarström-Labels anhand der ersten zehn Veröffentlichungen – die tatsächlich gleichzeitig (!) veröffentlicht wurden.

Erschienen 1993 in Bad Alchemy #21.

Unüberschaubar ist inzwischen die Zahl all jener Label, die mit obskuren, limitierten und sonderlich aufgemachten Veröffentlichungen von Tonträgern – meist aus dem Lärm-/Noise-/Industrial-Bereich – die Aufmerksamkeit der Sammler und Liebhaber musikalischer Kleinodien auf sich lenken (wollen). Und je größer die Zahl der Veröffentlichungen, desto größer der Zwang, sich von den anderen Labels/Produkten abzuheben.

ANCKARSTRÖM ist so ein Beispiel – allerdings ein positives: eher Projekt denn Label, finden sich in der gleichnamigen, zehn CDs und eine 7″ umfassenden Edition wahre Pretiosen, sowohl musikalischer wie auch optischer Qualität – Größen der elektronischen, nichtakademischen Musik, die Beherrscher des Lärms und der Geräusche treffen hier aufeinander, ebenso wie unbekanntere, aber nicht uninteressantere Tonkünstler: die ANCKARSTRÖM-Reihe hört sich fast wie ein »who is who« jener Szene, bei deren Namensgebung die Fans wie die Experten immer wieder auch das Wörtchen »INDUSTRIAL« verwenden, und sei es nur aus dem Grund, dem Unbeschreiblichen, dem Undefinierbaren die naheliegendste Schublade zu öffnen.

Aber für Schubladen sind die zehn CDs zu schade – schon optisch passen sie eher ins Bücherregal denn in die Ecke der hässlichen Plastikschachteln: in dicken Kartonhüllen, ähnlich den HAFLER TRIO-CDs auf TOUCH, finden sich jeweils ein Silberling und ein Booklet/Poster; dem einheitlichen Äusseren (wer sich nur ein bisschen für Verpackungsästhetik erwärmen kann, wer sich von der Form/Inhalt-Diskussion nicht hat weichkochen lassen – dem schlägt hier das Herz sicherlich bis zum Hals) stehen jedoch die verschiedensten Musiker/Sounds gegenüber: ARCANE DEVICE, THE HAFLER TRIO, JOHN DUNCAN, IF BWANA, ZBIGNIEW KARKOWSKI – alles Musiker, die sich schon lange mit akustischen Phänomenen beschäftigen, selbst welche produzieren und sich schon längst eine treue Anhängerschaft gebildet haben, aber auch (mir) unbekanntere wie THE SONS OF GOD oder WHITE STAINS überraschen mit hochkarätigen Soundexkursionen.

ANCKARSTRÖM war übrigens der Mörder des Schwedenkönigs Gustav III, allerdings nicht Einzeltäter, sondern Ausführender einer Verschwörung; diese Mittlerfunktion zwischen Verschwörern und Opfer lässt ihn im Nachhinein Pate stehen für ein Projekt CM VON HAUSSWOLFFs, der seit 1983 maßgeblich am RADIUM 226.05-Label beteiligt ist und der ANCKARSTRÖM ins Leben rief (die CDs werden in dieser Form nur in 500er Auflage hergestellt, allerdings später dann von STAALPLAAT/Holland in anderer Aufmachung wiederveröffentlicht).

Alle zehn CDs zu besprechen würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, vor allem im Hinblick auf die Tatsache. dass die komplette Edition mehr ist als die Summe ihrer Einzelteile: und über THE HAFLER TRIO wird demnächst hier in BAD ALCHEMY noch näher berichtet werden; nein, interessanter und wichtiger ist es wohl, gerade die weniger bekannten vorzustellen – Namen, die vielleicht davon abhalten, sich diese Edition am Stück zuzulegen – und das ist sie sicherlich wert!

Die Überraschung für mich war die DROR FEILER-CD »The Celestial Fire«: von seinen früheren Platten, falls es mehrere gibt, war mir nur die TOO MUCH TOO SOON ORCHESTRA-LP »Saw« (RADIUM 226.05) bekannt – eher langweilige Versuche, Maschinenlärm mit reichlich klischeehaftem Free-Jazz zu verbinden. Kurioserweise gelingt ihm ein fast identisches Konzept auf »The Celestial Fire« – diesmal ohne Mitmusiker (lags an denen?), legt FEILER ein ausgeklügeltes Werk vor, lässt sein Saxophon mal solo erklingen, mal gegen die Lärmwand anspielen, mal untergehen in dieser: immer jedoch schafft er es, die Balance zu finden zwischen zwei Extremen, die ich bisher kaum in so interessanter Interaktion hörte wie hier: versiertes Saxophonspiel und finstere Noise-Eskapaden.

Eine weitere Entdeckung sind sicherlich die SONS OF GOD, deren »Mission« eine einstündige Spirale sich immer wieder überlagernder Märsche und Männerchöre ist: mit Pomp und Glorie in die Apokalypse, Musik für das ausgehende 20. Jahrhundert. Im ausführlichen Booklet gehen sie denn auch auf Umweltschäden/moderne Kriegsführung (Gas) ein – schade nur, dass der Text in schwedisch gehalten ist.

Die gleichnamige CD von STELARC ist mir am schwersten zugänglich gewesen: was da aus den Lautsprechern tönt, wirkt beim ersten Hören doch ziemlich anämisch – die Photos und der Text im ausführlichen Booklet weisen STELARC jedoch als ausgebufften Tüftler aus, der darüber hinaus recht bewandert scheint in Sachen neue Medien, neue Technologien, neue Erfahrungsmöglichkeiten und den Problemen, mit denen der »altmodische«, menschliche Körper in Zeiten nach der elektronischen/digitalen Revolution konfrontiert sein wird.

Ebenfalls ganz hervorragendes Material liefern WHITE STAINS mit »The Somewhat Lost Horizon« – die CD enthält Soundtracks zu Filmen von CARL ABRAHAMSSON, der zusammen mit THOMAS TIBERT das Duo WHITE STAINS bildet. Die Musik erinnert zuweilen stark an die Arbeiten von PAUL SCHÜTZE, und obwohl diese CD wohl eher in das Labelprogramm von MULTIMOOD oder SUB ROSA passen würde, straft sie als Teil der ANCKARSTRÖM-Serie all jene Lügen, die behaupten, hier handele es sich um eine gigantische Anhäufung von stereotypen Krachmachern.

IF BWANA bieten zusammen mit XTSW eher ruhige, spröde Sounds – nichts, was nicht schon dagewesen wäre, aber auch nicht unbedingt die typische Hausmannskost; trotzdem: »R.ISMV.1« bleibt eher Noisette denn Noise.

Ein weiterer Höhepunkt ist sicherlich »Also sprach Zarathustra« von ARCANE DEVICE: der gute DAVID MYERS lässt hier das Feedback-Kästchen weniger fiepen und knarzen, sondern kreiert einen, trotz des dramatischen Titels, relativ ruhigen Ambientteppich – das krasse Gegenteil zu »Diabolis Ex Machina«, der neuen CD auf KORM PLASTICS.

Auch PHAUSS präsentieren sich auf »Nothing But The Truth« von ihrer ruhigeren Seite – 60 Minuten Remixes von Material ihrer US-Tournee; schimmert auch hier und da der pure Lärm durch, so zeigt sich doch nur einmal mehr, dass die Kunst des Lärmens eben auch (oder gerade erst?) in der Zurückhaltung bestehen kann. Diesmal ohne Mitstreiter ULF BILTING zeigt ZBIGNIEW KARKOWSKI, was in einem modernen Studio an Sounds machbar ist – ich will ihm das latent Bedrohliche in seiner Musik nicht negativ auslegen, es kann nicht alles nach Blockflöte klingen (KARKOWSKI ist ja das quasi klassische Beispiel, wie ein »Studierter« durchaus die Berührungsängste mit der »gemeinen« Industrial-/Noise-Musik abgelegt hat: richtig so, denn mögen sich auch die E-Musiker und Nichtakademiker gegenseitig anspucken, dem Hörer ist’s einerlei – es zählt, was hinten raus- bzw. in die Ohren reinkommt) …

Und das ist auch der Grund, warum ich bei neuen Veröffentlichungen der Herren DUNCAN und McKENZIE doch immer wieder zugreifen muss: der Output von JOHN DUNCAN ist bisher ja noch überschaubar, was man von McKENZIE bald schon nicht mehr sagen kann. DUNCAN knüpft auf »River In Flames« an seine CDs »Klaar« (EXTREME) und »Dark Market Broadcast« (auf STAALPLAAT) an – seine akustischen Wechselbäder zwischen »schönen« Sounds und harschem Geräusch sind die Kneippkur schlechthin für Pop-/Rockmusikgeschädigte und belegen wieder einmal mehr seine Nähe zu A. M. McKENZIE; im Booklet diesmal ein recht offenes Photo (er soll ja selbst Pornofilme drehen; mit der Ikonographie des Porno liebäugeln ja viele Musiker der Geräuschszene, aber so »richtig« zeigen ja dann doch nur die wenigsten, was sie daheim unterm Kopfkissen haben).

Und McKENZIE: THE HAFLER TRIO »Play The Hafler Trio« – Recycling? Teil 2 der Idee von »Redintegrate« (auf STAALPLAAT), d.h. das Gesamtwerk (welch ein Wahnsinn!) remixen und komprimieren – siehe P16 D4? Manches klingt bekannt, manches scheint tatsächlich wiederveröffentlicht (»Ben, Ruach, Ab, Shaloshetem Yechad Thaubodo« – war das nicht auf der H3O/DARIJ-Split-LP?). Fragen, Fragen, Fragen, die nun so lange schon mein armes Köpfchen brummen lassen, dass ich mich derer doch ausführlicher annehmen will/muss: im nächsten BAD ALCHEMY dann mehr über »Play The Hafler Trio«, die »Thirsty Fish«-Reissue, die neue »Mastery Of Money«, das Buch »Plucking Feathers From A Bald Frog« und alles, was Sie schon immer über THE HAFLER TRIO wissen wollten (aber bisher nicht verstanden haben).

Bleibt mir als Schluss nur noch, die ANCKARSTRÖM-Titel der Reihe nach aufzulisten und erneut darauf hinzuweisen, dass diese einmalige Kollektion musikalisch/optisch wirklich »state of the art« ist, ein hörenswerter Querschnitt durch die alternative elektronische Musik der 1990er Jahre (ich will sie mal so nennen), eine akustische Enzyklopädie – und vielleicht auch ein wenig wie der berühmte »Punkt ohne Wiederkehr«, denn diese Edition setzt sicherlich Maßstäbe, an denen sich künftige, ähnliche Projekte messen lassen werden müssen.

A1 THE SONS OF GOD: »Mission«
N2 ARCANE DEVICE: »Also Sprach Zarathustra«
C3 THE HAFLER TRIO: »Play The Hafler Trio«
K4 ZBIGNIEW KARKOWSKI: »Uexkull«
A5 PHAUSS: »Nya Sverjge – Nothing But the Truth«
R6 STELARC: »Stelarc«
S7 WHITE STAINS: »The Somewhat Lost Horizon«
T8 IF BWANA/XTSW: »B.ISMV.1«
R9 JOHN DUNCAN: »River In Flames«
Ö10 DROR FEILER: »The Celestial Fire«

Wie man sieht, bilden die Buchstaben der Bestellnummern wieder den Labelnamen – ursprünglich sollte M 11 nur denjenigen zur Verfügung stehen, die die ganze Edition am Stück kaufen – bisher ist aber keine elfte CD veröffentlicht worden, und wird es wohl auch nicht mehr … schade! Stattdessen gibt es noch eine 7″ mit der Nummer CXII von LEIF ELGGREN: »The New Immortality« – die ist mir allerdings nicht bekannt.

Erhältlich über Artware Audio.


Ursprünglich erschienen in Bad Alchemy #21, 1993.
Bad Alchemy Website …

Cover Bad Alchemy #21 (Rück- und Vorderseite)

Anm.: Die Rechtschreibung wurde minimal angepasst, und die Abbildungen im Original (siehe Artikelbild oben) wurden nicht übernommen.
Alle von mir aktuell (2020) gesetzten Links führen zu den entsprechenden Seiten bei Discogs, wo die Veröffentlichungen im Detail beschrieben werden, sich aktuelle Links zu den Label-Webseiten ebenso finden wie teilweise gebrauchte (oder auch neue) Exemplare der vorgestellten Tonträger.