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Bildende Kunst Event Kritik

Heimspiel: Eins zu Null für Würzburg!

Lesedauer ca. 5 Minuten
Bericht/Kritik zur Ausstellung Heimspiel (Juli bis Oktober 2005 im Kulturspeicher Würzburg).

Erschienen im August 2005 in der nummer acht.

Begeisterung in der Fankurve: Mit dem »Heimspiel« eröffnet der Kulturspeicher eine neue Ausstellungsreihe, die zeitgenössische Kunst aus der Region in den Mittelpunkt stellt.

Heimspiel – so heißt eine neue Reihe, die zeitgenössische Künstler aus Würzburg und der Region in Sammelausstellungen vorstellen will. Der Begriff ist vielleicht nicht so unbedacht gewählt, wie es den Anschein hat – zumindest kommt man so am Begriff der »Heimat« vorbei, der, an sich unverfänglich, ja leider überwiegend in reaktionärem Kontext verwendet und wahrgenommen wird: nicht gerade das Umfeld, in dem man moderne Kunst vermuten würde. Oder bricht sich da doch bloß versteckter Fussball-Enthusiasmus Bahn? Man wird es vielleicht nie erfahren … obwohl für letzteres auch das Motiv des Flyers/Plakats spricht.

Der Anpfiff

… hat bereits stattgefunden – seit dem 23. Juli können 14 Künstlerinnen und Künstler anhand ausgewählter Arbeiten im Kulturspeicher wieder- oder neu entdeckt werden. Der Begriff »Sammelausstellung« ist dabei zutreffender als etwa der der »Gruppenausstellung«, denn dafür fehlt der Bezug der Künstler zueinander eindeutig. Trotz eines thematischen gemeinsamen Nenners, der sich an dem Begriff des »Ortes« oder der »Verortung« orientiert, stehen die Arbeiten weitestgehend für sich. Als kleinster gemeinsamer Nenner bleibt dann noch der Ort übrig, an dem die Bilder zu sehen sind – gibt es noch ein unverbindlicheres Leitthema?

Wohl kaum, möchte man anfügen … doch damit genug der Nörgelei, denn was sich hier dem interessierten, neugierigen Betrachter bietet, ist moderne Kunst auf hohem Niveau. Und wenn man sich auf die einzelnen Werke und Arbeiten einläßt, weicht die Skepsis schnell der Neugierde und Faszination.

Fast alle Arbeiten erschließen sich nicht durch flüchtiges Hinsehen, sondern erweisen sich als visuelle Schnittstelle, hinter der Konzepte entdeckt werden können, die teilweise über Jahrzehnte hin verfolgt werden. Der Begriff des »Ortes« manifestiert sich in Fotografie, Landkarte, Linolschnitten, Malerei, Drucktechnik, A/V-Medien, Konzeptkunst und Installation – fast scheint es, als ob ganz nebenbei auch ein Überblick über die unterschiedlichsten Techniken, mit denen zeitgenössische Kunst heute umgesetzt wird, geliefert werden soll. Das birgt zuweilen die Gefahr, dass sich benachbarte Arbeiten formal so gar nicht nebeneinander fügen wollen, andererseits eröffnen sich aber auch ganz neue Blickwinkel, zum Beispiel im ersten Raum:

Peter Steins riesige Kohlezeichnung eines Sonnenblumenfeldes etwa hängt direkt gegenüber einer Serie mit (ebenfalls riesigen) Farbfotografien von Wolf-Dietrich Weissbach, der hier einige seiner Panoramafotografien urbaner U-Bahn-Stationen zeigt – kann man sich unterschiedlichere Motive, unterschiedlichere (zweidimensionale) Techniken denken? Und spricht dieser Kontrast nicht Bände über die Befindlichkeit der Stadt hier – halb Metropole (wenn auch im verkleinerten Maßstab 1:50), halb (bis fast zum Platzen) aufgeblasenes Dorf? Die Antwort darauf bleibt Ansichtssache.

Erste Spielhälfte

Deutlich dominiert die Fotografie im ersten Raum – vorgeblich dokumentarisch, jedoch immer auch ästhetisierend: als Schwarzweißfotografie bei Valentin Schwab, dessen Bilder von verlassenen und verwilderten Orten dadurch noch distanzierter wirken; als serielle Bilderfolgen bei Helga Franke, die dörfliches Geschehen in zeitlicher Abfolge abbildet und diese Bildfolgen wie grafische Pattern präsentiert (von ihr stammt auch die Arbeit vor dem Kulturspeicher, die Replik eines Stopschildes an der jordanisch-irakischen Grenze); als unterirdisches Panorama bei Weissbach, wobei Format und Belichtungsdauer den Bildern ein abstraktes Moment verleihen, in dem Bewegungsabläufe sich teilweise in flächige Muster verwandeln bzw. integrieren; und schließlich als Lochkamera-Fotografie bei Karl-Heinz Hornung, dem hier posthum (er verstarb überraschend 2003 nach kurzer, schwerer Krankheit) die gebührende Aufmerksamkeit gezollt wird – der bewusste Einsatz primitiver, störanfälliger Technik verleiht den exotischen Landschaftsaufnahmen eine organisch anmutende Fremdartigkeit.

Daneben finden sich Arbeiten mit kartographischen Elementen bei herman de vries (Wanderungen im häuslichen resp. lokalen Umfeld) und Anna Tretter (Reisen in weit entfernte Länder), die beide auf je eigene Art das »Unterwegssein« dokumentieren. Ebenfalls dokumentiert: die Aktionen des »Museum für Moderne Kunst München, Niederlassung Würzburg«, einem Projekt von Hans-Peter Porzner, der hier mit alltäglichen Mitteln des Kunstbetriebs (z. B. Anzeigen und Ankündigungen) seit 1991 Fake auf hohem Niveau praktiziert. Peter Stein schließlich verbindet die Räume, ist in beiden mit seinen Arbeiten vertreten.

Zweite Spielhälfte und …

Der zweite Raum bietet eher »klassisch« anmutende Mal- und Drucktechniken, doch auch hier lohnt der zweite Blick, auch hier finden sich kontrastreiche Nachbarn, etwa die schwarzweißen Linolschnitte Philipp Hennevogls neben den farbigen Temperaminiaturen von Katja Klussmann, die beide relativ gegenständlich arbeiten, wobei bei Klussmann die Motive rebusartig in Sinnzusammenhängen angelegt sind, während bei Hennevogl eher die vordergründige Diskrepanz zwischen Linoldrucktechnik und Motivwahl (u. a. Computerarbeitsräume in Berlin) fasziniert.

Abstrakter geht es dagegen bei Birgit Jensen und Gertrude Elvira Lantenhammer zu – scheinbar abstrakter, denn auch ihre Bilder enthalten schichtweise urbane An- und Aufsichten, Übermalung und Überlagerung lassen doch archetypische Muster erkennen.

Blickfang ist allerdings die Assemblage von Burkard Blümlein, die sich auf der exakten Fläche seines ehemaligen Kinderzimmers ausbreitet. Sein Spiel mit Dopplungen von Gegenständen hin zu Pseudo-Zwillingspaaren, sein Faible für Achsensymmetrie (und ihre Brechung), sein Zerlegen – besser: Zerschmeißen – und Zusammenfügen von Porzellan, seine versteckten Hinweise auf die eigene Herkunft und den Ort geben viel Raum für eigene Interpretationen, lassen sich aber genauso exakt in der Biografie des Künstlers verorten.

… Verlängerung

Im Flurbereich angesiedelt ist Renate Angers Beitrag: Die Fenster zum Main hin sind mit Folien beklebt, die wiederum den (fotografischen) Blick durch diese Fenster enthalten, der bereits erwähnte zweite Blick ist hier schon miteingearbeitet.

Würzburg hat gewonnen!

Als Auftakt zu der Reihe »Heimspiel« muss die Ausstellung als gelungen angesehen werden – nicht trotz, sondern wegen der Inkohärenz der gezeigten Arbeiten und der z. T. stark unterschiedlichen Charaktere der Künstlerinnen und Künstler. Aber auch, weil mengenmäßig maßvoll vorgegangen worden ist: Kein unüberschaubares Sammelsurium, das mittels Masse zu überzeugen versucht, stattdessen Konzentration auf ein oder wenige Werke.

Für diese Bestandsaufnahme der zeitgenössischen Kunst wie auch der verwendeten Techniken in selbiger, den verschiedenartigen Herangehensweisen an Themenstellungen und Umsetzungen von Konzepten verdienen die Verantwortlichen ein dickes Lob – vor allem, wenn diese auch in Zukunft es vermögen, thematisch zusammenzuführen, was formal zum Teil ziemlich auseinanderdriftet. Die Chance, dass Besucherinnen und Besucher der Ausstellung alles gut (oder alles schlecht) finden, ist gering.

Aber kann es bei so einem Projekt überhaupt möglich sein, nicht geteilte Meinungen zu erzeugen, nicht kontroverse Standpunkte zu provozieren? Leute, die unbedingt einen roten Faden benötigen, müssen schon genau hinschauen – und ihm mit Bedacht folgen, sonst reisst er gar zu schnell auseinander.

Der Katalog zur Ausstellung lag bei Redaktionsschluss leider noch nicht vor (trotz bereits angelaufener Ausstellung – gelbe Karte für die Katalogmacher!), müsste aber bei Erscheinen dieser nummer erhältlich sein und mehr Informationen über die Biografien der Künstler, ihren Ortsbezug und die Hintergründe ihrer Arbeiten bieten.

Heimspiel – Zeitgenössische Kunst aus der Region
Ausstellung vom 23. Juli–23. Oktober 2005
Museum im Kulturspeicher, Würzburg
www.kulturspeicher.de


Zuerst erschienen in der Würzburger Kulturzeitschrift nummer, Ausgabe acht (August 2005), S. 6–9.
Fotos © Akimo (Achim Schollenberger)
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