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Konzert Portrait

Gute Musik macht man nicht nur aus Schleifen …*

Lesedauer ca. 9 Minuten
Portrait des Musikers und Multiinstrumentalisten Udo Mader.

Erschienen im September 2005 in der nummer neun.

Der Multiinstrumentalist Udo Mader

»… ich bin ein Mann,
an dem ist nichts Besonderes dran,
ich tu’ nur was, was nicht jeder tut:
ich geh’ nie ohne Hut.«
(»Ich geh’ nie ohne Hut« von der CD »1000 bunte Luftballons – Lustige Lieder aus 25 Jahren Sesamstraße«)

Das mit dem Hut stimmt natürlich nicht ganz: Udo Mader, derzeit wohnhaft in Euerhausen, trägt ihn gerne – aber nicht immer – bei seinen Auftritten. Und ein solcher, einer der eher seltenen in unserer Gegend, steht im September an, auf der Arte Noah. Ansonsten bespielt er eher kleinere Klubs in eher größeren Städten, z. B. in Berlin einen Schuppen mit dem wunderlichen Namen »Club der Polnischen Versager« – es sind die kleinen, manchmal obskuren Orte, gerne auch im Umfeld der bildenden Kunst angesiedelt, an denen seine Musik ihr Publikum findet; folglich scheint es nur logisch, daß sein Heimspiel in diesem Jahr in einer Würzburger Galerie stattfindet. Und wenn man sich seine frische, unverbrauchte Herangehensweise an Musik anschaut und -hört, dann scheint auch der Bezug auf die Sesamstraßen-CD (im Besitz der Kinder des Autors) nicht so abwegig.

Udo Mader. Foto: Andreas Mader.

Mader ist Multiinstrumentalist – er spielt Schlagzeug, elektrische Orgel, akustische Baßgitarre, Flöte, Melodica und anderes mehr, dazu defekte oder selbstgebaute Instrumente –, und manchmal singt oder pfeift er dazu. Einige Instrumente beherrscht er unter dem Aspekt der konventionellen, erlernbaren Spielweise (auch wenn er eher die unkonventionelle Spielweise bevorzugt), andere hat er sich angeeignet, wieder andere – besonders die selbstgebauten oder defekten Instrumente – können gar nicht anders als individuell gespielt werden. Sein Stimme changiert zwischen Bestimmtheit und (fast schon zerbrechlicher) Zärtlichkeit. Was andere hinter einer pseudo-coolen Maske aus Virtuosität oder Lautstärke verbergen, schiebt er ganz gezielt in den Vordergrund. Das Akzeptieren kleinerer Fehler wie das hörbare Vertrauen in die eigenen spielerischen Fähigkeiten machen seine Musik und ihn so sympathisch: Kein doppelter Boden, kein Netz, das ihn auffangen könnte, wenn er fällt.

Aber er fällt ja nicht, stolpert vielleicht einmal, läuft dann aber wieder weiter – mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der das Stolpern zum Gehen in unebenem Gelände gehört. Und so ein unebenes Gelände ist seine Musik: voller Kanten und Ecken, unter hohem Gras verborgenen Steinen und verwinkelter Pfade. Kein Spaziergang, weder für ihn noch für seine Zuhörer – aber eine Entdeckungsreise, eine Wanderung durch eine scheinbar vertraute Gegend, nicht der Hauptstraße entlang, sondern querfeldein, über Stock und Stein. Durch Wiesen und Wälder. Bachläufen folgend, die die Flurbereinigung noch nicht zu wie mit dem Lineal gezogenen Linien in der Landschaft begradigt hat. Am Horizont immer das bekannte Ausflugsziel vor Augen, nach der nächsten Biegung aber schon wieder mit konzentriertem Blick auf den Boden unmittelbar vor den Füßen: Nanu, was ist das denn für ein Käfer? …

Kleiner, popgeschichtlicher Exkurs

Vielleicht kennen Sie den Begriff »geniale Dilletanten«: Wolfgang Müller, Konzeptkünstler und ehedem Mitglied der Nicht-Popgruppe »Die Tödliche Doris«, gebrauchte ihn als Titel (Falschschreibung inklusive) für seine Sammlung mit Schriften und Dokumenten des (Berliner) Undergrounds der späten 1970er bzw. frühen 1980er Jahre. In dem schmalen Bändchen, das im Merve-Verlag erschienen ist, werden Bands, Projekte und Individuen mit so wundersamen Namen wie eben »Tödliche Doris«, »Einstürzende Neubauten«, »Mekanik Destrüktiw Kommandöh« oder Frieder Butzmann und Gudrun Gut vorgestellt – um nur ein paar zu nennen, die über ein meßbares Oeuvre verfügen (inkl. sporadischen Wiederveröffentlichungen der in Kleinauflagen erschienenen Tonträger) oder, im Fall der »Neubauten«, noch aktiv (und im Mainstream etabliert) sind.

Obwohl durchaus auch professionelle Musikerinnen und Musiker involviert waren, und viele andere sich im Laufe der Zeit zwangsläufig handwerkliche Fähigkeiten aneigneten, kamen doch neue, essentielle Impulse von erklärten, auf den Veröffentlichungen teils deutlich zu ortenden Laien. Die Musik mit (teils defektem) Billig-Instrumentarium, Heimaufnahmen in limitierten, handgearbeiteten Auflagen, Konzertauftritte in (teilweise privaten) Kellern und kleinen Klubs gingen einher mit einer Repoetisierung der je eigenen Sprache, denn die »genialen Dilettanten« waren um 1980 herum durchaus ein internationales Phänomen, so daß sich zumindest im europäischen Raum oder Teilen der damaligen Ostblockstaaten und Nordamerikas ähnliche Vorkommnisse nachweisen lassen. Und eine nicht geringe Zahl der Protagonisten der damaligen Szenen stammt aus dem Umfeld von Kunsthochschulen – das erklärt möglicherweise die Verbindung zu oben erwähnten Galerien als Auftrittsorte.

25 Jahre später

Udo Mader ist sich selbst seine eigene Band – eine Ein-Mann-Combo, in der Bandleader, Begleitmusiker, Rhythmusgruppe, Solist und Sänger in einer Person zusammengefasst sind. Oder eben: versierter Musiker und Dilettant. Wobei Begriffe wie Dilettant (ursprüngl. »Nichtfachmann« oder »Laie«) oder Amateur (also einer, der etwas »aus Liebe zu einer Sache« tut) heute leider immer auch wertend gebraucht werden – als ob sich der Spaß an einer Sache und die professionelle Beschäftigung mit dieser zwangsläufig gegenseitig ausschließen müßten!

Foto: Udo Mader.

Die Liebe zur Sache, die sich unter anderem in einem gehörigen Maß an Neugierde, aber auch in Kompromißlosigkeit bemerkbar macht, hat Udo Mader über die Jahre hin zu einem erstaunlichen Performer wachsen lassen, dessen Präsenz bei Live-Auftritten echte Energien freisetzt. Wie er da schafft, hinter dem Schlagzeug, mit Händen und Füßen arbeitend, diverse andere Instrumente hinzunehmend, singend, pfeifend – das ist der pure Stoff, die reine Magie des Augenblicks. Im Gegensatz zu den CD-Veröffentlichungen, die er im Mehrspurverfahren alleine eingespielt hat und die eher komplexe, ausgefeilte Arrangements enthalten, wirken seine Lieder live roher, gröber. Doch gerade in der Reduktion auf das Wesentliche wird nicht nur der Charme seiner Musik, sondern auch ihre Stärke hörbar.
Weniger ist hier mal wieder mehr.

Udo Mader ist weder Autist, noch Einzelgänger oder Außenseiter – beim Gespräch in der Küche des alten Euerhausener Pfarrhauses wird schnell klar, daß er auf etliche Erfahrungen in der musikalischen Zusammenarbeit mit anderen zurückblickt, an Filmmusiken für Fernsehproduktionen ebenso mitgewirkt hat wie auch an Projekten mit lokalen Musikern. Dennoch hat auch er immer wieder erkennen müssen, daß »Musik machen« heute zu oft bedeutet, sich mit Genre-, Stil- oder Equipmentfragen und anderen (oft technischen) Nebensächlichkeiten herumzuschlagen, anstatt tatsächlich Musik zu »machen«, also die Ideen oder Empfindungen möglichst unmittelbar musikalisch auszudrücken.

Um dieses »Machen« geht es ihm aber vornehmlich – um das direkte Spiel, den unmittelbaren Spaß, die spontane Energie, die frei wird, wenn er losspielt. Positive Energie, resultierend aus der Konzentration auf die Musik, die überspringt auf sein Publikum. Mader weiß – bei aller Bescheidenheit und Unaufdringlichkeit, die er im Gespräch an den Tag legt – von keinem »Reinfall« zu berichten, von keinem Auftritt, der irgendwie danebengegangen wäre; eher zieht er das Publikum innerhalb von Minuten in seinen Bann, egal ob als »Vorgruppe« oder als alleiniger Act, egal ob im Punk-Keller oder im Jazz-Café. Erwartungshaltungen zu stilistischer Eindeutigkeit kann und mag er nicht bedienen, Veranstalter bittet er, ihn einfach so anzukündigen, wie es eben in das Konzept der jeweiligen Örtlichkeit passt: Punk, Jazz, Schlager, Pop, Rock, Underground, Mainstream – alles Definitionen, um die er sich nicht weiter kümmert, ebensowenig wie um High-End-Equipment oder Computer-Technologie. Gegen letztere pflegt er ein sympathisches, eben nicht konservativreaktionäres Mißtrauen. Doch auch er verwendet sie – weniger »live«, sondern eher zum Aufnehmen.

Nicht live, aber live eingespielt …

Zwei CDs hat er bis jetzt im Alleingang veröffentlicht (resp. »with a little help from my friends«, was Produktion und Mastering angeht), die dritte ist gerade in Arbeit. Seine Musik könnte man am ehesten noch als »Modern Volksmusik« bezeichnen (ein Begriff, den er selbst – notgedrungen – ins Spiel bringt). Die Mischung aus englischer und deutscher Sprache ist dabei ebenso beabsichtigter Ausdruck von Internationalität, wie der augenzwinkernde Rekurs auf heimische Folklore (anstatt den Begriff »Pop« zu verwenden) die naive (hier: unbefangene) Herangehensweise ohne kommerzielle Hintergedanken an die Musik widerspiegelt. Also doch Pop – ohne Pomp, im Miniaturformat und von Herzen kommend.

Seine Alben heißen »Der heilige Hase und der Vogel welcher auch heilig« (1997) und »Fuchsbaumelodien« (2003) – hier taucht sie also wieder auf, die heimische Fauna, der man unter Umständen während der oben erwähnten Wanderung begegnen kann.

Die Songs (ich halte diese Bezeichnung im Gegensatz zu »Lieder« für passender) auf beiden CDs sind angenehm kurz: Mader dehnt die Stücke nicht unnötig in die Länge, sondern gruppiert seine Arrangements sorgsam um zentrale Ideen herum und legt viel, aber nie zuviel in das musikalische Material hinein. Die CDs enthalten 12 bzw. 17 Stücke bei einer Gesamtspielzeit von jeweils etwas mehr als 40 Minuten, und keine Sekunde scheint verschwendet oder unüberlegt. Er spielt konzentriert mit sich selbst, bleibt immer rhythmisch und erweist sich als souverän im Umgang mit eigenen musikalischen Fertigkeiten – keine Überbetonung einer Virtuosität, stattdessen Einordnung jedes einzelnen Aliases in den Gesamtklang der digitalen Mehrspuraufnahmen, aus denen die einzelnen Stücke bestehen.

Allerdings werden in diesen keine Loops verwurstet (oder »Klangklötzchen« geschoben), sondern Spur um Spur, in ganzer Länge, die einzelnen, von Mader gespielten Instrumente addiert. Die Stücke sind atmosphärisch aufgeladen, mal swingend, mal schleppend – und wirken bei aller »echten« Handarbeit doch im rechten Moment erfrischend (künstlerisch) artifiziell.

Foto: Andreas Mader.

Die Instrumentierung ist vielseitig, der Gesang bedient sich wahlweise der deutschen wie der englischen Sprache oder frönt, ganz ungezwungen, der Lautmalerei (z. B. beim Stück »Schoki Boki« auf »Fuchsbaumelodien «). Er besingt Alltägliches, Unspektakuläres, Persönliches (auch das eine Parallele zu Volksmusik und Pop) – und hat seiner Lebensgefährtin ein ganz wunderbares Liebeslied geschrieben (»Karen«). Seine Texte sind lustig, aber nicht albern. Und in den rein instrumentalen Stücken kann man die Stringenz seiner musikalischen Ideen in Reinform wahrnehmen, ohne sprachlichen roten Faden, als melodische Ideen – auch hier mit einer gehörigen Prise Humor. Das darf man sich eigentlich nicht entgehen lassen, weder auf Konserve, noch live.

Und die Gelegenheit dazu ist im September so günstig wie nie! ¶

Udo Mader live: »Ausser der Bahn ist alles ausser der Bahn«
am Freitag, 16. September, 20 Uhr auf der Arte Noah, Willy-Brandt-Kai, Würzburg (Karten im VVK oder Abendkasse)

Udo Mader: Fuchsbaumelodien
CD (€ 15.–) erhältlich bei Monophon Schallplatten, Wagnerplatz 6 1/2 in Würzburg-Grombühl oder direkt über

* Die Überschrift ist ein Zitat des Textes von »Saureschnauze« der Gruppe Bodenstaendig 2000 (Album »Maxi German Rave Blast Hits 3«, veröffentlicht 1999 auf Rephlex, Cat 068 CD/LP) und entstammt dem Refrain: »Wann werdet Ihr endlich begreifen / gute Musik macht man nicht nur aus Schleifen.«, adressiert an die Schar derjenigen Musikmachenden, die sich zu Hause hinter dem Computer verschanzen und digitalisierte »Klangklötzchen« – analog zu Bauklötzchen im Kinderzimmer – auf dem Bildschirm hin- und herschieben und so klangschleifenbasierte Musik erzeugen.

Empfehlenswerte Literatur (Auswahl des Autors):

Wolfgang Müller (Hg.): Geniale Dilletanten
Berlin 1982, Merve, 127 S. m. Abb., ISBN 3-88396-021-7, € 7.50
Witziges, spannendes, kurioses (und noch erhältliches) Zeitdokument (Schwerpunkt Berlin).

Moritz R: Der Plan – Glanz und Elend der Neuen Deutschen Welle
Berlin, Martin Schmitz Verlag, 200 S. m. Abb., ISBN 3-927795-08-9, vergriffen
Ebenfalls witzig, spannend und kurios – die Geschichte der Künstler rund um das Düsseldorfer Ata Tak-Label. Leider vergriffen, aber die Recherche lohnt …

Jürgen Teipel: Verschwende Deine Jugend
Frankfurt a. M. 2001, Suhrkamp Verlag. 374 S., ISBN 3-518-39771-0, € 12.50
Doku-Roman – Montage von Interviews mit den Protagonisten der frühen deutschen Punk-/New Wave-Szene, richtig spannend und eigentlich Pflichtlektüre.


Zuerst erschienen in der Würzburger Kulturzeitschrift nummer, Ausgabe neun (September 2005), S. 20–24. 
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