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MUSIC IS KILLING HOMETAPING

Lesedauer ca. 3 Minuten
Ein kleiner Text zum Sterben der analogen Medien.

Erschienen im April 2005 in der nummer vier.

HOMETAPING IS KILLING MUSIC

In den 1970er Jahren, als die zuvor eingeführte Compact Cassette ihren Siegeszug antrat und zum meistverbreiteten (Audio-)Medium der Welt wurde, setzte die bis dahin größte Kampagne der Musikindustrie ein, den Käufer von bespielten Tonträgern wie den von Leermedien nachhaltig einzuschüchtern (der »Totenkopf« unten stammt von einer Schallplatteninnenhülle, wurde aber auch in Zeitschriften verbreitet).

Aufdruck »Home Taping Is Killing Music – And It's Illegal« auf einer Schallplatten-Innenhülle. Das Motiv ist der Schatten einer Audiokassette mit zwei sich kreuzenden Knochen darunter, ähnlich dem Totenkopf-Motiv, das Piraten zugeschrieben wird.

Mittlerweile konnotiert der »Totenkopf« etwas ganz anderes: Die Tatsache, daß man in jedem größeren Elektrogeschäft, beim Supermarkt um die Ecke oder beim Discounter an der Kasse noch Leerkassetten (einzeln oder in 2er- bzw. 10er-Packs) kaufen kann, übertönt nur notdürftig den Verwesungsgeruch, den dieses Medium bereits verströmt. Man investiert beim Kauf in einen Zombie, einen lebenden Toten, denn die Kassette ist tot, und das schon seit Jahren.

In allen ihren positiven Eigenschaften (z. B. Preis, Klangqualität, Handhabung, Belastbarkeit oder Kompatibilität) ist sie längst geschlagen und läuft nur noch im Mittelfeld mit, von der einstigen Marktführerschaft des »Volksmediums« zeugen nur noch antiquiert wirkende Ramsch-Stereokompaktanlagen resp. Radio/CD/Kassette-Kombinationen. Allein durch die heutige Ausdifferenzierung des Marktes (und die daraus resultierende Unübersichtlichkeit, was Audio-Medien resp. Aufnahme- und Wiedergabe-Verfahren angeht) scheinen einige Medien noch erhältlich – und durch den gigantisch zu nennenden Fundus an Gebrauchtgeräten und -medien auf Flohmärkten, Börsen, in Secondhand-Shops und in Internet-Auktionen.

Während früher konkurrierende Firmen schnell die eigenen, oft besseren technischen Entwicklungen zugunsten marktbeherrschender Formate aufgegeben haben (prominentestes Beispiel um 1980: die drei Videoformate VHS, Betamax und Video 2000, von denen das schlechteste – VHS – auf dem Markt durchgedrückt wurde, was die Einstellung der beiden anderen Formate zur Folge hatte) – wobei technische Neuerungen oder Verbesserungen schon mal zehn oder mehr Jahre auseinanderlagen – werden heute die unterschiedlichsten Süppchen gekocht auf der Suche nach dem optimalen CODEC (kurz für »Coding & Decoding«, also die Übersetzung einer analogen Information in digitale zum Speichern und umgekehrt zur Wiedergabe).

Die LP, schon länger totgesagt, konnte sich in die Jetztzeit vor allem deshalb retten, weil die (mechanischen) Manipulationsmöglichkeiten den DJs neue Möglichkeiten und der Populärkultur mehrere Genres (HipHop, House, Techno etc.) eröffnet haben. Der Computer simuliert inzwischen auch diese vormaligen Alleinstellungsmerkmale der Plattenspieler oder Bandmaschinen, der moderne DJ schiebt nicht mehr den Plattenteller an, sondern die Maus.

Die Zeit der physikalischen Tonträger (Kassette, LP, MiniDisc) ist abgelaufen – in Zukunft kommt die Musik aus einem Datenpäckchen, das auf irgendein Gerät geladen und dort decodiert wird – das Medium entfällt, die Information bzw. die Art ihrer Codierung tritt an seine Stelle. Der derzeit noch recht umfassende Tonträgerhandel wird mit seiner jetzigen Klientel älter werden, der nachwachsenden Generation wird sich die Faszination der klassischen Tonträger nicht mehr erschließen können. Zurück bleibt ein Sammelsurium an nicht mehr benötigten Formaten, Techniken, Ideen – unter www.deadmedia.org kann man sich einen vorläufigen und erstaunlich vielfältigen Überblick über Dutzende von »Leichen« verschaffen.


Zuerst erschienen in der Würzburger Kulturzeitschrift nummer, Ausgabe vier (April 2005), S. 13.
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