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CD DJ-Kultur Kritik Schallplatte

Mix up 2

Lesedauer ca. 17 Minuten
Meine zweite Kolumne für Bad Alchemy, zweiter Teil: Eine Hälfte über Electronic Listening Music und Ambient, die andere wieder mit Rezensionen.

Erschienen 1995 in Bad Alchemy #26.

Wie beim ersten Mix up wurde dieser Text in zwei Teilen angelegt, die parallel im Magazin über die Seiten liefen – der theoretische Teil (oben, Arial Bold) kommt zuerst, anschließend der Rezensionsteil (unten, American Typewriter).

Ob es überhaupt noch Sinn macht, über Platten zu schreiben?
Mein Verständnis experimenteller Musik ist ins Wanken geraten – wie das so vieler vielleicht, die wie ich eine große Vorliebe für Industrial, Elektroakustik oder andere Musiken gepflegt haben, nur um sie vom meistgeschmähten, jüngsten Kind der U-Musik, genannt Techno, über den Haufen werfen zu lassen.
Einerseits gab es noch nie so viele so schlechte Musik – zu kaufen und leider auch zu hören: an allen Ecken klopft es einen an, weder Schokoladen- noch Jeanswerbung scheinen unberührt vom Einheitstakt. Alles klingt gleich.
Alles? Nein, ein kleines gallisches Dorf leistet unermüdlich Widerstand, der Zaubertrank heißt Electronic Listening Music, gekocht wird er nicht mehr im Topf, sondern auf zwei Plattenspielern, nachdem die Zutaten (diverse Tonträger) in mühevoller Kleinarbeit zusammengetragen worden sind.
Im folgenden einige exotische Zutaten, derer ich habhaft werden konnte. Dazu einige Gedanken zum Thema als solchem, und im nächsten Bad Alchemy dann ein Einblick in meine Basis-Küchenausrüstung inklusive einiger Mixrezepte.
Willkommen in Gallien.

Nachdem mein erstes Mix up (Bad Alchemy 25) für eine hochinteressante Diskussion zwischen Rigobert Dittmann, Christian Walter und meiner Wenigkeit gesorgt hat – die übrigens im Anschluss an ein vorzügliches Abendessen stattfand – gilt es nun, einige Begriffe zurechtzurücken bzw. zumindest in den Kontext zu stellen, der von mir beabsichtigt war.
Beginnen wir mit dem Begriff …

»Electronic Listening Music«.

Im Gegensatz zu der Annahme, dieser Begriff sei eine weitere Abart des zugegeben ebenso perversen wie teilweise auch reizvollen Revivals der Easy Listening Music, die uns Evergreens emotionaler Eindeutigkeit und stimmungsvolle Arrangements von tausendfach gehörten Melodien beschert (egal, ob es dabei um das Revival solcher Weichspüler wie Ray Conniff, Herb Alpert oder James Last auf der einen Seite geht oder um die direkte Bezugnahme und Annäherung von Bands der Neunziger an eben jene Vorbilder. Combustible Edison, Pizzicato Five und andere schlimme …), im Gegensatz also zu diesem neuesten aller Trends gehört Electronic Listening Music nicht hierher.

Autorenschaft für diese Wortschöpfung darf das englische Warp-Label für sich beanspruchen: auf »Artificial Intelligence 1«, einer Compilation mit Beiträgen von The Dice Man, Musicology, Autechre, L.F.O., Speedy J, Up! und Dr. Alex Paterson (aka The Orb), finden wir eine interessante Mixtur aus Tracks, die damals (1992) als Intelligent Techno bezeichnet worden wären: Zwar gibt es hier Rhythmen, und Ästhetik und Klangbild verweisen ganz klar auf dieses von vielen zu recht mit gerümpfter Nase beobachtetes Genre – da nützt auch der Zusatz »Intelligent« nicht viel. Tatsächlich aber handelt es sich hier keinesfalls um eine unter vielen Dance- oder Techno-Compilations, denn die Musik dürfte in einer Diskothek oder einer genretypischen Tanzveranstaltung (gerne auch Rave genannt) eher kontraproduktiv wirken, finden sich hier statt der sonst immer und überall von der Techno-Fangemeinde eingeforderten Technobretter, auf die man stundenlang abhopsen kann, eher elektronische Knüppel, die man den Tänzern zwischen die Beine wirft, und die durchaus den einen oder anderen 4/4-Takt-Puristen zum Stolpern bringen könnten.

Also: es geht hier um eine Zusammenstellung mit explizit elektronischer Musik, die primär nicht zum Tanzen, sondern zum Zuhören anregen soll. Der Untertitel – Electronic Listening Music From Warp – der sehr gut auf der Covervorderseite sowie auf dem Coverrücken zu lesen ist, versucht nicht die Konstruktion eines neuen Genres, sondern setzt sich vielmehr ab von der Körperlichkeit der technischen, rhythmusbetonten Musik, die uns seit Jahren unter dem Begriff Techno begegnet und die – schon vergessen? – in gewisser Weise aus der Electronic Body Music der 1980er Jahre hervorging bzw. zumindest als eine weitere Spielart derselben angesehen werden darf. Electronic Body Music (kurz EBM) mit ihren bekannten Exponenten wie Front 242, Borghesia, Nitzer Ebb oder Skinny Puppy (willkürliche und zufällige Nennungen) darf für sich den zweifelhaften Ruhm beanspruchen, als erste den Versuch einer rein rhythmischen, rein elektronischen und enorm körperlichen Musik unternommen zu haben. Zwar gelang es, eine enorme Fangemeinde aufzubauen, allerdings nahm deren Größe im gleichen Umfang zu, in dem die Qualität der Musik abnahm.

Die ersten Gehversuche des Genres, die z.T. noch stark auf die unbestreitbare Verwurzelung im Industrial verwiesen haben (man erinnere sich nur an die häufige Nennung von Bands wie Throbbing Gristle oder Cabaret Voltaire im EBM-Kontext), besitzen alle Merkmale der Techno-Euphorie, wie sie Ende der Achtziger Jahre aufkam: das Für-sich-reklamieren des totalen ästhetischen Bruchs mit der Gegenwart (die sich nun einmal im Mainstream am deutlichsten manifestiert), das herbeizitieren von Vorbildern aus der Vergangenheit (auch EBM berief sich auf Futurismus, Stockhausen, Kraftwerk u.a. im Techno-Kontext genauso penetrant genannte Vorbilder) sowie die totale Distanzierung von Versiertheit (Instrumentbeherrschung, Virtuosität), haptischer/gestischer Credibility (lieber einen Sequenzer programmieren, anstatt das Schlagzeugspiel erlernen – lieber cool hinter der Maschine stehen, anstatt schwitzend auf ein Drumset einzuschlagen – lieber den primitivsten, monotonen Rhythmus laufen lassen, statt durch einen Break den Hörer unnötig abzulenken und aus seiner Trance aufzuwecken – etc.) und – wie immer, wenn es um elektronische Neuerungsschübe in der Musik geht – eine Aversion gegen alles Akustische, Handgemachte, natürlich Klingende.

Bei Electronic Listening Music wird der Körper (Body) der EBM durch den Verstand, das aufmerksame Hören (Listening) ausgetauscht.

Das Genre musste notwendige Weiterentwicklung der elektronischen Ausdrucksmöglichkelten in der Musik sein; im Gegensatz allerdings zur Elektroakustik, die weitestgehend auf Redundanz verzichtet und sich hauptsächlich auf immer neue innovative Aspekte der Klangerzeugung und -kombination konzentriert, versucht Electronic Listening Music den Brückenschlag zwischen Redundanz (leichter Groove im Hintergrund, wiedererkennbare Sounds, bedingt durch die Verwendung gekaufter statt selbst entwickelter Hard- und Software, starke Anbindung an die U-Musik) und Innovation (völlig neue Reihungen von Sounds, wie sie z.T. sogar in der Elektroakustik noch nicht zu hören waren, Weglassen quasi aller Signifikanten der U-Musik, ohne das Genre zu verlassen – und eine Abenteuerlust und Experimentierfreude am Klang, wie sie manchen Elektroakustikern gut zu Gesicht stünde …

Es bleibt allerdings ein fragwürdiges Unterfangen, Elektroakustik, EBM, Techno, Electronic Listening Music usw. gegeneinander auszuspielen bzw. ihre Qualitäten nebeneinanderzustellen und auf einer gemeinsamen Skala zu bemessen. Denn es handelt sich hier um Stilistiken, die man nicht an ihrer (elektronischen) Produktionsweise festmachen sollte (erinnern wir uns wieder, dass selbst die größte Authentizität z. B. im Rock immer schon über elektronische Eingriffe – Feedback, Delay, Verzerrer, Echo etc. – stattfand, und selbst neuere Bestrebungen, Handwerklichkeit über den Effekt zu erheben – der Mainstream nennt es »Unplugged«, der Underground ruft nach Souled American oder Gastr Del Sol … – betonen wiederum den Effekt, wenn auch durch seine Abwesenheit).
Eher unwahrscheinlich ist, dass Electronic Listening Music das abstrakte Ding der Neunziger Jahre wird und die größte Sogwirkung vor allem im Umfeld von an Struktur- und Klangexperimenten geschulten Hörern haben wird. Neuere Tendenzen unterstreichen wieder einmal mehr die rhythmische Komponente des Genres, zuviel Zwitschern, Brummen, Zirpen, Schnarren und Schaben befriedigt auf Dauer nur noch Esoteriker.
Stattdessen wird Electronic Listening Music Techno links überholen: wer Techno nur über Gabber, Hardcore, Trance und Namen wie Westbam, Sven Väth oder Jam & Spoon kennt, wird nicht mehr von der stringenten Monotonie und Faszination zu überzeugen sein, die die Rhythmik auf den Körper ausüben kann.

Wer zumindest in diesem Punkt mit mir einer Meinung ist, wird allerdings – wie ich auch – auf Dauer nach einer Musik suchen, die auf Ambivalenzen aufbaut, die nicht den Einheitsbrei für Körper und Geist liefert, sondern gerade durch die Kontrastierung der rhythmischen und der klanglichen Aspekte eine Spannung erzeugen kann, wie sie bei den pur(istisch)en Genres kaum mehr zu finden ist. Natürlich ist nicht alles Gold, was klingt – aber selten hat es mir soviel Spaß gemacht, stilistische Selbstfindungsprozesse eines Genres mitanzuhören. Vor allem dann, wenn es sich um so viele verschiedene Ansätze handelt.

Ohne den theoretischen Teil unnötig aufbauschen zu wollen, werde ich mich noch bei einem anderen Begriff kurz aufhalten müssen, der ebenfalls, vielleicht sogar noch viel mehr als Electronic Listening Music, die Gemüter am Abend der eingangs erwähnten Diskussion erhitzt hat:

»Ambient«.

Woher der Begriff kommt, bleibt unklar. Brian Eno darf zumindest als Pionier angesehen werden, was die breitenwirksame Streuung des Terms Ambient angeht. Die von ihm produzierte Plattenreihe »Ambient 1-4« zählt zu den Klassikern des Genres, »Ambient 4: On Land« darf darüber hinaus als genreübergreifendes Dauerhighlight in der Geschichte der elektromechanisch reproduzierbaren Musik gelten.

Schon Erik Satie sprach von einer Musik, die sich als weiteres Möbelstück in die von uns bewohnten Räume fügen sollte – die musique d’ameublement – und John Cage begründet weite Teile seines Ruhms auf der Einsicht, dass Musik aus Klang besteht und bewusste Erzeugung wie auch Organisierung des Klangs gleichwertig seien mit ungewollten, zufälligen Klangereignissen – am radikalsten und der Konzeptkunst sehr nahestehend vorgeführt in seiner Komposition »4’33″«.

Brian Eno, der schon während seiner Zeit bei Roxy Music mit Kassettenrekordern und Kurzwellenempfängern experimentierte (banale Geräte des technischen Gebrauchs, die Cage schon einige Jahre vorher im E-Musik-Kontext einsetzte), entlehnte seinen Begriff und dessen Definition wörtlich der uns umgebenden Sphäre: Ambience.

Dabei ist Ambience ein viel unkonkreterer Begriff als etwa Surrounding oder Environment, und Ambient als Genrebezeichnung bekommt heute noch Prügel für diese Uneindeutigkeit.
Die Diskussion zwischen Rigobert, Christian und mir entbrannte konkret an dem damals nagelneuen Painkiller-Doppelalbum »Execution Ground«, das aus drei 20-minütigen, langsam-schleppenden Tracks besteht sowie, auf der zweiten CD, zwei ebenfalls 20-minütigen Ambient-Remixen. Interessanterweise war also ein Album Stein des Anstoßes, das gerade den Klischeevorwurf, der gegen Ambient erhoben wurde (langsam, undifferenziert, Weichspüler, New Age-kontaminiert, Gedudel bzw. Geplimpel, auf jeden Fall un-energetisch etc.), am deutlichsten belegt und erfüllt: sind die drei Stücke schon eher zäh fließender Brei als alles einsaugender Maelstrom, so demonstriert der auch sonst rührig mit dem Etikett Ambient hausierende Bill Laswell auf der Remix-CD die Verdoppelung dieses Prinzips. Hier tauchen die Beats ab und an aus einer Suppe von Hall und Echo auf, der vorher eher dynamisch konnotierte Bandkörper Painkiller wälzt sich hier durch einen mit dickem, klebrigem Sirup gefüllten Pool: teilweise gelungene Momente stehen leider sehr undifferenziert solchen gegenüber, in denen z. B. von John Zorn nur noch das Mundstück des Saxophons auf der Brühe treibt.

Letztendlich, um zum Schluss noch einen der Hauptgedanken der Diskussion aufzugreifen, macht es wenig Sinn, Derek Bailey als Ambientmusiker im Jazzcafé oder Judas Priest als Ambientmusiker im Rockkeller zu bezeichnen, denn das hieße, den Begriff Ambient zwar wörtlich zu nehmen, aber damit auch ad absurdum zu führen – er wäre noch weiter gefasst als Musik (eine Bezeichnung, die eine immense Anzahl von Möglichkeiten zulässt) und könnte damit kein Begriff mehr innerhalb des musikalischen Kontextes sein; schließlich soll er ja konkret benennen können, und wollen wir wirklich alle genannten Musiker in einen Topf werfen? Wohl kaum!

Ambient muss weiterhin erst einer exakteren Definition zugeführt werden. Auf dem Weg dahin hilft kein anything goes, sondern die wohl kaum unfair zu nennende Ausklammerung von Spielarten der Musik, die …

… ja, ich weiß es auch nicht. Denn noch lässt mich die Vielzahl an Veröffentlichungen, die ich in den Kontext Ambient stellen würde, vor Definitionen, noch dazu eilfertigen, zurückschrecken. Ambient kann im Moment natürlich erst einmal nur eine subjektive, nicht kategorisierbare Erfahrung oder Hörweise bleiben. Ein-, Ab- und Ausgrenzungen fallen schwer und scheinen sinnlos.

Weiterhören!

Rezensionen

Jetzt muss sich natürlich wieder die Frage stellen: Welche Platten scheinen im Moment relevant, um aus der Masse an Tonträgern herausgepickt und separat vorgestellt zu werden? Im folgenden die Highlights der letzten Monate in loser Folge und unvollständig …

Den Anfang machen Autechre und Aphex Twin. Beide Projekte gelten nach wie vor als Garanten für ungewöhnliche Tonträger, deren Andersartigkeit sich oft erst nach mehrmaligem Hören erschließt. Autechre ist es mittlerweile gelungen, einen völlig eigenen, stark rhythmusdominierten Sound zu kreieren. Mit unverkennbarer Souveränltät werden die Rhythmusmaschinchen programmiert, es entsteht eine dichte, aber nichtsdestotrotz seltsam kalte, abweisende Musik, die sich scheinbar in keinster weise ins Ohr schmeicheln will. »Amber«, das neue Doppelalbum, enthält wiederum eine Menge untanzbarer Rhythmen, spärlich eingesetzter Sounds und ist so erfrischend wie ein Glas Eistee im Sommer. »Garbage«, eine EP mit vier gleichfalls fast auschließlich von bizarrer Rhythmik geprägten Stücken ist keinesfalls das Abfallprodukt, das uns im Namen suggeriert wird. Die Maschinchen pluckern und tackern lustig drauflos, doch der Grundtenor bleibt mollig kalt – oder auch cool, wem das Wort besser gefällt.

Von Aphex Twin gibt es neue Veröffentlichungen im gewohnten 20er-Pack. Zuerst »Classics«, eine Zusammenstellung alter, vergriffener oder rarer Stücke (meist von EPs genommen), darunter das legendäre, wenn auch nicht überragende »Didgeridoo«. Gerade »Classics« belegt, wie nahe Aphex Twin an der Ästhetik im Industrial der alten, besseren Tage eigentlich dran ist: brachiale, unerwartete rhythmische Ausbrüche, ein Brazzeln und Stampfen, wie wir es auch auf den besten Esplendor Geometrico-Platten nie oder nur sehr selten hören durften.
Durchgehend rhythmisch und als Compilation unterschiedlicher Stücke unterschiedlicher Phasen dennoch wie aus einem Guss.

Zerfahrener und komplett überbewertet dagegen »I Care Because You Do«, das neue Album auf Warp. Neben wenigen Highlights und einigen Stücken, die nach Garagensessions (im negativen Sinne) klingen, kann das Album den Standard nicht halten, den das zeitgleich erschienene EP-Pärchen »Ventolin« / »Ventolin Remix« wieder einmal setzt: ähnlich wie bei dem »On« / »On Remix«-Gespann gibt es hier keine Ausfälle, beide EPs ergänzen sich zu einem Doppelalbum erster Güte. Ironisch wird hier mit Pop-Versatzstücken gespielt, und sogar Mutter Aphex muss dabei herzlich lachen.

Weiteres Zugpferd im Hause Warp sind Seefeel, deren neuestes Album »Succour« sich einerseits noch weiter in die abstrakte Klangwüste vorwagt, als es die EPs »Fracture/Tied« und »Starethrough« bereits unternommen haben, andererseits aber auch wieder ein ganz klares Statement zum Thema Dub abliefert. Die Stimme ist allerdings hoffnungslos verloren im immer zerklüfteter werdenden Sound der Band. Anders als bei der oben erwähnten Painkiller-Scheibe hat dieser Sound hier tatsächlich Sogwirkung, ein Strudel sich überlagernder Soundereignisse zieht uns in seinen Bann, eine filigrane Melodien- und Harmonienführung lässt uns verdutzt zurück. Wovon träumen Menschen, die solche Musik machen, eigentlich nachts?

Bevor wir Warp bzw. das Warp-Umfeld verlassen, sei hier noch vehement auf die neue Black Dog Productions hingewiesen: »Spanners« gibt eine Ahhnung davon, was im Bereich der Electronic Listening Music noch auf uns zukommen wird. Als Vorgeschmack schon einmal digitale Latin-Rhythmik, swingende Anoden und Kathoden, hoch- und niederfrequente Töne mit tropischem Flair, eine lässige Stimmung und wieder einmal einige der begnadetsten Ohrwürmer für diesen Sommer. Wer sich weder mit Ambient noch mit Dub oder Klappersounds anfreunden kann, möge doch bitte diesen Cocktail probieren (Achtung: Hässlichstes Cover seit Erfindung der digitalen Grafik!).

Man könnte natürlich meinen, dass es neben Warp und R&S kaum nennenswerte Label gibt, die den internationalen Vergleich nicht zu scheuen brauchen. Denkste!

Mille Plateaux, ein Joint Venture der Labels Force Inc., Musicworks und Blue, ist auch keine direkte Konkurrenz zu den beiden genannten, denn der ästhetisch flexiblen Labelpolitik der Engländer bzw. Belgier setzt das deutsche Label eine Veröffentlichungspolitik der größtmöglichen Konsequenz entgegen. Nicht nur die beiden herausragenden Oval-Alben »Systemisch« und »94 Diskont.«. Letztere in der Vinylversion mit Remixen von Cristian Vogel, Mouse On Mars, Scanner und – lies und staune – Jim O’Rourke finden sich auf dem Label, sondern auch die konsequent elektrischen Alben bzw. EPs von Global Electronic Network: »Rolleiflex / Weltron / Times Square« ist so ein Ding, das wahrscheinlich noch längere Zeit mehr Fragen aufwerfen wird, als es Antworten zu liefern versucht. Wer sich für die Vinylausgabe entscheidet, bekommt die EPs »Rolleiflex« und »Weltron« als wunderschöne Picturediscs, muss sich aber »Times Square« noch separat dazukaufen. Musikalisch würde ich nur soviel aussagen wollen: Khan und Walker (aka G.E.N.) lassen sich jede Menge Zeit, um noch den kleinsten Fiepton auch richtig wirken lassen zu können. »Electronic Desert«, die EP zum mittlerweile ebenfalls erhältlichen Album, lässt sich hervorragend auf zwei Geschwindigkeiten abspielen: Kühl, reduziert, monoton, killt.
Ebenfalls erhältlich: »Modulation & Transformation« als Einstiegs-Compilations (Vol. 1 und 2), Alec Empire (»Generation Star Wars« ist allerdings nicht so zwingend wie »Limited Editions«) und R.I.C. aka Biochip C.

Eines der schönsten Alben der letzten Zeit kommt von Move D und seinem Heidelberger Source-Label: »Kunststoff« ist, ähnlich wie bei Black Dog, relaxte Elektronik mit leichtem Bar- bzw. Late-Night-Flair. Verspielte, quirlige Electro-Sounds, eingebettet in lockere Rhythmik, die House ebenso augenzwinkernd vorführt, wie sie die Beginne elektronischer Popmusik ironisiert. Diese Platte ist auf alle Fälle Pflicht, nicht zuletzt auch wegen der stringenten Cover-Gestaltung!

Um die Verwirrung komplett zu machen, kommt nun Curd Duca: »Easy Listening 3« (ja, da steht wirklich »Easy«!) ist Electronic Listening pur, allerdings nicht durchgehend rhythmisch, sondern nur skizzenhaft hingeworfen – kleine Sound-Events, die gerade in ihrer Rohform einen eigentümlichen Charme entwickeln. Und das Zuhören ist tatsächlich einfach … Titel wie »Moon Bossa«, »Sin Swing«, »Heart Swing« etc. geben die Linie an, und jeder, der sich im momentanen Easy Listening-Revival diese CD neben seine »Get Easy«-Compilation stellt, dürfte stilistisch böse ins Schleudern geraten. Tolles, obskures Teil!

Kommen wir am Schluss in die weiteren Gefilde von dem, was Ambient sein könnte. Rob Angus mit »Ethnoloopography« vielleicht – der Titel ist Programm. Geloopte Klänge exotischer Musiken, oft müstisch-dyster, meist gerade mal in Tracks von 1–2 Minuten Dauer angerissen, und als Spitze auf einem ordentlichen Mix-Fundament ideal zu gebrauchen; trotzdem auch pur genießbar.

Die Sound-Grundlage könnte man z. B. mit Aloof Proof herstellen: »Expo One« und »Piano Text (Expo Two)« breiten großzügig angelegte Teppiche auf der Basis flächiger Saitenklänge aus. Dabei hält sich der erzeugte Klang zurück, um dem Hall, Echo, Delay und anderen Eingriffen den Vorzug zu geben. Weite Räume, tolle »Ausstellung«.

Ähnlich, aber quirliger, lebendiger und doch monotoner kommt David Bedfords »Great Equatorial« daher: Als Soundtrack für eine Ausstellung komponiert, muss das Stück notwendigerweise den Besuchern, die ab und an den Raum betreten bzw. wieder verlassen, zumindest die Möglichkeit geben, in der kurzen Zeitspanne immer wieder neue Variationen des gleichen Themas zu hören. Entsprechend kreisen die sechs Stücke auf der CD immer wieder um den gleichen Punkt, ohne allerdings in Langeweile zu verfallen.

A propos Langeweile: Vidna Obmana ist wieder da, und das neueste Machwerk, »Spiritual Bonding«, bewegt sich wieder in gefährlich-kitschigen Gewässern. Allerdings schafft er diesmal zumindest eine Hand voll brauchbarer Tracks, die tatsächlich so etwas wie Spannung im Soundfluss zu evozieren vermögen. Weiter so, der neue (?) Weg ist auf alle Fälle der richtigere …

Die Vermischung von ambienten und ethnischen Elementen in der Musik ist nicht neu, und der Großmeister des Genres bleibt Jorge Reyes mit seinen entspannten, durchdachten, schlichtweg fein zu nennenden Soundscapes. Seine CDs sind durchweg empfehlenswert.

Gemischte Gefühle jedoch kommen bei Mo Boma auf: »Myths Of The Near Future« meint es einfach zu gut mit uns, den Hörern – der Verzicht auf sämtliche Ecken und Kanten zugunsten eines scheinbar vielschichtigen, letztendlich aber tödlich belanglosen Soundgemischs kann auch nicht durch ab und an aufjaulende E-Gitarren ausgeglichen werden. Der Gedanke einer »Fourth World Music«, von Jon Hassell (und Brian Eno) entworfen und von Reyes fortgesetzt, wird hier zur bloßen Klangtapete umgewandelt.

Supergut stattdessen: Social Interiors mit »The World Behind You«. Rik Rue, bekannt durch diverse Solo-Veröffentlichungen sowie seine Zusammenarbeiten mit Jim Denley (Mind/Body/Split, Machine For Making Sense), schafft in diesem Duo-Projekt mit Shane Fahey ein komplexes, vielschichtiges und texturenreiches Album, das in Punkto Tonmanipulation wieder einmal Maßstäbe setzt (mehr als die eher zwiespältig aufgenommene Machine For Making Sense-CD »On Second Thoughts«).

Okay, zu guter letzt: The Hafler Trio. »Designer Time«, zusammen mit Reptilicus irgendwann irgendwo in Island aufgenommen, bringt wieder einmal etwas Abwechslung ins Hafler-Regal. Im Gegensatz zu den Pop-Exkursionen (zwiespältig: »Fuck« und »Golfish/Mindloss«) findet hier ein Spiel mit Pop-Versatzstücken statt, die ich in der eigentlichen Hafler-Manier ansiedeln würde: Keine Kopie, sondern das Herausschälen einzelner Elemente und ein stringentes, z. T. krudes Klang-Arrangement. »How To Reform Mankind« dagegen als Abschluss der Trilogie, die mit »Kill The King« und »Mastery Of Money« begonnen hat. Auch gut. Vielleicht würde gerade die mischung von beiden dem Einsteiger ein sehr komplexes, umfassendes Bild vom Sound des Hafler Trio vermitteln, und vielleicht ist das ein Grund, bei beiden CDs wieder einmal laut zu jubeln …

Discographie


Ursprünglich erschienen in Bad Alchemy #26, 1995.
Bad Alchemy Website …

Cover Bad Alchemy #26 (Rück- und Vorderseite)

Anm.: Die Rechtschreibung (und Groß-/Kleinschreibung) wurde minimal angepasst. Alle gesetzten Links führen zu Discogs (bei den Veröffentlichungen unter »Discographie«).
Die Abbildungen habe ich teilweise übernommen, damit es nicht gar so textlastig wird – aber klar: schön ist was anderes …