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Kritik Schallplatte

Learning To Cope With Cowardice

Lesedauer ca. 4 Minuten
Eine nachgereichte Rezension des Debüt-Albums (1983) von Mark Stewart, einer meiner absoluten Lieblingsscheiben.

Erschienen 2016 im Buch »Damaged Goods«.

Mark Stewart + Maffia:
»Learning To Cope With Cowardice«
LP, On-U Sound, 1983

Als Mark Stewart 1981 mit den Aufnahmen zu seinem ersten Album begann, war alles längst vorbei: Punk sowieso, aber auch fast schon Postpunk. Stewart hatte bereits als Sänger (The Pop Group) reüssiert und war kein Unbekannter mehr. Als Learning To Cope With Cowardice 1983 dann auf Adrian Sherwoods On-U Sound-Label erschien, veröffentlichten die ehemaligen Mitstreiter der Pop Group als Rip Rig & Panic (Bruce Smith, Gareth Sager) bereits das dritte Album bzw. bei Pigbag (Simon Underwood) das zweite.

Auch The Pop Group waren spät dran, als sie 1978 debütierten – zu spät für Punk, aber noch rechtzeitig für Postpunk. Vom Punk übernahmen sie das ungestüme DIY-Ethos, dem es beim Machen mehr um das »warum« als um das »wie« ging – jeder Song ein deutliches politisches Statement gegen konservative bis reaktionäre Denkmuster, ohne allerdings auf allzu simple »linke« Parolen zu verfallen. Das heute gerne als avantgardistisch eingestufte musikalische Idiom der Pop Group, eine krude, schon leicht angejazzte Punk-Funk-Melange, resultierte aus dem missglückten Versuch, »funky« zu klingen:

»We really thought we were funky, but we couldn’t play very well and we played out of time, so people thought we were avant-garde. All these old journalists would come up to you and start talking about Captain Beefheart. I couldn’t stand Captain Beefheart. We thought we were like Bootsy Collins or something.«

Mark Stewart

Doch Learning To Cope With Cowardice kam keinesfalls zu spät, dem Album hört man den langen Reifungsprozess (und die Unmenge an prädigitaler Studio-Detailarbeit) in jeder Sekunde an. Als Begleitband (Maffia) fungierten Roots-Musiker aus dem On U-Umfeld (Singers & Players, Creation Rebel, Dub Syndicate etc.), die das (Reggae-)Grundgerüst der Songs einspielten. Darüber singt (meistens: spricht, manchmal: schreit) Stewart seine knappen Texte, die oft auf wenige Zeilen und Schlagworte verdichtet sind. Der eigentliche Star des Albums jedoch ist der Produzent, Adrian Sherwood. Auf Learning To Cope With Cowardice läuft er zu absoluter Höchstform auf, was die Manipulation der Bandmaschinen und der Kanalregler am Mischpult angeht, hier führt er Dub in Regionen, die auch heute noch »unerhört« klingen. Die Radikalität, mit der er den Basistracks wie auch der Stimme auf den Leib rückt und diese vollkommen durch die (Effekt-)Mangel dreht, ohne auf der anderen Seite jemals die Songs völlig zu schrotten, ist und bleibt ein einsames Meisterstück der Klangmanipulation: Jeder Track beginnt, als ob zuerst eine Maschine in Gang gesetzt würde, die sich im weiteren Verlauf jedoch als störanfällig oder defekt erweist, während der Toningenieur versucht, zu retten, was noch zu retten wäre. Gerade in der Tour de Force, mit der das melodische Ausgangsmaterial (vgl. dazu die Alben der Singers & Players oder von Creation Rebel aus dieser Zeit) durch Regler und Effekte gejagt wird, liegt der Reiz des Albums: Eine fragile, beschädigte, aber immer erkennbare Zärtlichkeit, vergleichbar bestenfalls mit christlicher Mystik, wo ein geschundener, gegeißelter und gekreuzigter Körper zur Projektionsfläche für Liebe, Hoffnung und Erlösung wird.

Apropos »Songs schrotten«: Als ich die (geliehene) Platte zum ersten Mal hörte, 1988, und auf Kassette kopieren wollte, brach ich die Aufnahme drei mal ab, dank »Blessed Are Those Who Struggle«, dem dritten Track. Hier wird, nach schleppendem, stolperndem Beginn und einigen eher mehr als weniger beschädigten Takten, die Songstruktur dann doch völlig zerstört, und der Klang versinkt in einem (für mich bis dato) ungehörten Morast aus Übersteuerung, wird zu einem einzigen Brummen und Brazzen, dessen Potential als Boxentest noch gar nicht vollständig erkannt wurde. Mir trieb es damals den Angstschweiß auf die Stirn (»die geliehene Platte ist kaputt!«), Nadel und Platte wurden von mir mehrmals akribisch gereinigt, obwohl sie völlig sauber waren. Beim vierten Anlauf war es dann auch weniger die Einsicht, dass das wohl so klingen müsse, als vielmehr Resignation, die mich die Aufnahme fortsetzen ließ.

Ich brauchte einige Jahre und etliche Anläufe, in denen ich mich an der Platte abarbeitete. Rückblickend war nicht eine verschwendete Minute dabei, denn Learning To Cope With Cowardice reifte mit jedem Hören – Nein: Ich reifte mit jedem Hören! Während die späteren Alben von Mark Stewart (die Ur-Maffia wurde schnell ausgetauscht gegen das Sugarhill-/Tackhead-Trio LeBlanc, McDonald & Wimbish) noch viel maschinenhafter klangen und heute als akzeptable Definition von »Dampfhammer-Beat« herhalten mögen (und vermutlich auch mehr Absatz generierten), bleibt Learning To Cope With Cowardice die Blaupause auch für diese, v. a. melodisch und harmonisch leider weitgehend entschlackten Alben. Welche Wucht jedoch Melodie und Harmonie vermittels Bandmanipulation und dem beherzten Einsatz von Effektgeräten und Filtern entwickeln können, das belegt kein Song besser als das finale »Jerusalem«: ein Jahrhundertsong – auf einem Jahrhundertalbum.


Ursprünglich erschienen in
Jonas Engelmann (Hg.):
Damaged Goods. 150 Einträge in die Punk-Geschichte
Ventil Verlag, Mainz 2016, 392 Seiten, ISBN 978-3-95575-061-9
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Engl. Wikipedia (März 2020): Mark StewartLearning…